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Kidslife-Magazin · Leben mit Kindern

Interview mit Vanessa Walder

Das Interview mit Vanessa Walder

AS: Hallo Vanessa Walder, was bedeutet eigentlich C.B. Lessmann und wie ist es zu der Gründung dieses  Autorenteams gekommen?

VW: Hallo, Antje. Vielen Dank für Ihr Interesse.

C.B. Lessmann ist ein Pseudonym, das sich der Loewe-Verlag 1999 ausgedacht hat. Damals war es aus verschiedenen Gründen nicht möglich, dass die Serie sisters unter meinem richtigen Namen erscheint. „C.B.“ steht hierbei für Christian Bieniek, und „Lessmann“ ist eine Mischung aus den Vornamen „Vanessa“ und „Marlene“.

Ich lernte Christian Bieniek genauso kennen, wie Sie mich gerade: Ich arbeitete als Journalistin und interviewte ihn für einen Artikel. Danach blieben wir per E-Mail in Kontakt, bis er mich eines Tages fragt, ob ich nicht eine Jugendserie schreiben wolle, weil er selbst keine Zeit dazu habe, aber eine Idee.  Ich sagte zu, und bekam ein paar Tage darauf ein Kuvert von Christian und seiner Kollegin Marlene Jablonski (Die beiden arbeiteten damals schon zusammen an verschiedenen Serien wie „Hamster Hektor“). In dem Kuvert: eine silberne Geldscheinklammer und ein Zettel, auf dem stand: „Willkommen im Team“.

AS: Wie muss man sich eigentlich das Schreiben in einem Team vorstellen?
Gibt es dafür einen bestimmten Ablauf?

VW: Das hängt immer ganz von dem jeweiligen Projekt ab. Ich kann mir nicht vorstellen, mit jemandem an einem Buch zu schreiben. Im Team an einer Serie zu arbeiten kann hingegen eine schöne Erfahrung sein. Als Schriftsteller arbeitet man in der Regel allein, man hat keine Kollegen, keinen Chef, niemanden, der einem mal auf die Schulter klopft. Mit Christian Bieniek habe ich an vielen Serien gearbeitet. Bei „Leas LiebesGmbH“ haben wir uns gemeinsam eine Hauptfigur ausgedacht und den Inhalt für jeden Band festgelegt. Danach haben wir immer abwechselnd einen Band geschrieben. Mit Marlene gemeinsam haben wir drei andere Serien geschrieben, in denen es manchmal mehrere Hauptfiguren gab. Da hat dann jeder von uns aus der Sicht einer dieser Figuren geschrieben. Bei den sisters haben sich Christian und Marlene die drei Mädchen Jasmin, Laura und Magdalene ausgedacht. Für die ersten fünf Bände haben sich die beiden immer wieder getroffen und mir Ideen geliefert. Danach lief die Serie eigentlich von selbst. Die Mädchen entwickelten ein Eigenleben, und ließen sich von außen nicht mehr sagen, was sie tun sollten. Es passierte einfach. In nächster Zeit werden sie sich aber doch noch einmal etwas sagen lassen müssen, und dabei werde ich mit Marlene beraten, worauf ich mich besonders freue.

Am Lustigsten war es nämlich immer, mit meinen beiden besten Freunden zusammen zu sitzen und Ideen zu spinnen. Wir haben gefuttert, geblödelt, Quatsch gemacht, die verrücktesten Ideen entwickelt und ununterbrochen gelacht. Ein Wunder, dass wir auch nur eine Zeile zustande gebracht haben.

AS: Haben Sie selbst schon mal in einer WG gelebt? Oder woher nehmen Sie die ganzen Ideen für die sisters Buchreihe?

VW: Ich habe einmal mit meiner älteren Cousine zusammengelebt, kurzfristig auch mit ihrem und meinem Freund und einmal mit meinem Bruder. Eine richtige WG war das wohl nicht. Generell ist es für mich ein Alptraum, meine Wohnung mit jemandem teilen zu müssen. Meine Wohnung ist meine Höhle, mein Rückzugsort. Ich bin gern alleine und fühle mich schnell eingeengt, wenn länger jemand mit mir zusammenwohnt. Ich bin also in Bezug auf die sisters – wie eigentlich immer beim Schreiben – auf meine Vorstellungskraft angewiesen.

AS: Sie leben in Wien, das für seine zahlreichen Kaffeehäuser bekannt und berühmt ist. Kann man die Autorin Vanessa Walder gelegentlich beim Schreiben in einem dieser Kaffeehäuser antreffen oder an welchem Ort schreiben Sie am liebsten?

VW: Absolut. Ich bin – vor allem im Sommer – immer wieder in Kaffeehäusern. Inzwischen schreibe ich dort allerdings nicht mehr oft, sondern bastle mit Block und Bleistift an Ideen, überarbeite Manuskripte oder lese Fahnen. Früher hatte ich einen kleinen Computer, einen Psion 5mx (den hatten auch Christian  Bieniek und Marlene Jablonski. Wir nannten sie liebevoll unsere „Hirne“.), den ich in die Hosentasche stecken konnte. Der Laptop wiegt drei Kilo und hat nur für zweieinhalb Stunden Akku, darum eignet er sich nicht so gut für Kaffeehäuser. Auch wenn die Atmosphäre der Wiener Kaffeehäuser inspirierend ist: An den Nebentischen sitzen schon um elf alte Damen bei einem Glas Wein, ein Musiker komponiert und summt vor sich hin, die Herren spielen Schach oder Tarock, Touristen schauen sich staunend um, die Kellner legen zwischen den Bestellungen eine Stunde Pause ein, die Zeitungen rascheln, Rauch steigt auf, Jugendliche diskutieren über Politik, der Hund einer Stammkundin kriegt seinen üblichen Napf vorgesetzt … die Ideen schwirren nur so herum.

AS: Gibt es schon Ideen oder Pläne für Band 13 der sisters?

VW: Band 13 ist seit Anfang Dezember vergangenen Jahres fertig. Ich arbeite gerade an Band 14, in dem Jasmin, Laura und Magdalene das Abitur hinter sich bringen und über die Zukunft nachdenken. Dabei stößt vor allem Jasmin auf eine Berufung, mit der sie nicht gerechnet hat, während Laura von der Vergangenheit eingeholt wird, und Magdalene versucht ihr Herz zu bändigen. Für die nächsten Bände kann ich so viel verraten: Es gibt viele Überraschungen, viele Veränderungen und – viel Witz, Pannen und Absurdes.

AS: Die Leseclubkids haben auch einige Fragen an Sie. Wobei das Wort „einige“ nicht ganz zutrifft – es sind über 60 Fragen. Sie sind wirklich sehr beliebt bei den Kids!

VW: Das freut mich sehr! Vielen Dank und herzliche Grüße an alle LeserInnen!

AS: Hier kommen die Top 5 Fragen:

Leonie möchte erfahren, ob Sie eine Lieblingsfigur in der sisters WG haben oder ob eine der Figuren Ähnlichkeiten mit Ihnen hat?

VW: Jedes der Mädchen ist ein Teil von mir und umgekehrt. Ich bin überlegt und fürsorglich wie Jasmin, charmant und eitel wie Magdalene, aufbrausend und frech wie Laura. Meine Lieblingsfigur war in den ersten Bänden Jasmin, weil sie sich um alle kümmern wollte und der Ruhepol der WG war. Dann hat mich Magdalene für sich gewonnen, als sie sich allmählich von dem oberflächlichen, unsicheren Mädchen zu einer verantwortungsbewussten, talentierten Frau entwickelt hat. In welche Richtung Kordelia geht, weiß ich noch nicht genau, aber mir gefällt ihre Geradlinigkeit und ihr Mitgefühl für jedes Lebenswesen, ihre Achtung für das Leben, ihre Zurückhaltung und ihre Beobachtungsgabe. Ich erwarte Großes von ihr.

Aber um ehrlich zu sein: Mein Liebling ist Laura. Ich mag ihre ruppige Art, ihre Riesenklappe, ihr großes Herz. Ich mag, dass sie sich nicht verbiegen lässt und in jeder Situation immer sagt, was sie denkt – was sie das auch kosten mag. Ich bewundere, dass sie zu sich steht und ihren Mitmenschen mit einer Aufrichtigkeit begegnet, die einem manchmal die Sprache verschlägt.

AS: Melanie wüsste gerne, ob Sie auch schon als Kind geschrieben haben und wie es Ihnen gelungen ist, eine „echte“ Schriftstellerin zu werden?

VW: Ich habe immer Geschichten erfunden. Mit zwei hatte ich unsichtbare Haustiere. Mit drei habe ich den Freuden meiner Eltern gedroht, dass der „Zwiebelbeobachter“ sie beißen würde. Mit vier hatte ich eine Freundin namens Micki, die außer mir niemand sehen konnte. Ich war sechs, als ich anfing Tagebuch zu führen. Darin beschreibe ich unter anderem, wie ich auf das Dach unseres Hauses geflogen bin. Mit sieben schrieb ich mein erstes „Buch“ als Geburtstagsgeschenk für meinen Bruder. In der Geschichte suchte der König der Tiere, der Löwe, nach einer Braut. Er versuchte es mit Nilpferdamen und Giraffinnen, bis er letztlich bei einer Löwin landete. Dieses kostbare Werk ist leider verloren gegangen …

Mit acht musste ich als Hausaufgabe für die Schule eine Weihnachtsgeschichte schreiben. Ich erfand einen spanischen Weihnachtsmann, der den Rest des Jahres keine Arbeit hatte und seine Familie kaum ernähren konnte. Meine Lehrerin fand das „bedenklich“.

Mit vierzehn, fünfzehn fing ich an Kurzgeschichten zu schreiben und startete ein paar Romanversuche, aus denen nichts geworden ist. Ich war neunzehn und studierte seit anderthalb Jahren Rechtswissenschaften, träumte aber immer noch davon Schriftstellerin zu werden, als ich eine Entscheidung herbeizwingen wollte. Ich nahm an einem Preisausschreiben für eine Kanadareise teil und schickte gleichzeitig mit einem anderen Kuvert eine meiner Kurzgeschichten an ein Magazin. Der Plan war, dass ich entweder alle Kraft in mein Studium stecken und die Schreiberei aufgeben oder weiterhin schreiben oder nach Kanada fliegen würde. Das Magazin veröffentlichte meine Geschichte und bezahlte mir ein Honorar von fast 150 Euro dafür. Ich schickte noch eine Geschichte, sie wurde wieder veröffentlicht. Ich schickte noch eine, sie wurde wieder veröffentlicht. Danach rief mich der Chefredakteur des Magazins an und fragte, ob ich nicht für ein anderes seiner Magazine arbeiten wollte. Ich nahm an. Ein Jahr später konnte ich vom Schreiben leben, brach mein Studium ab (konnte die Universität aber vom Fenster meines Büros aus noch sehen) und zog in eine Wohnung in Wien.

Zwei Jahre später schneite Christian Bieniek in dieses Büro und erklärte meinem Chef, dass ich ihn bald sitzen lassen und Bücher schreiben würde. Er öffnete mir die Türen zu den großen deutschen Verlagen und redete mir zu meinen Beruf als Chef vom Dienst bei dem Magazin aufzugeben, um Schriftstellerin zu werden. Und so passierte es dann auch.
In Kanada war ich noch immer nicht.

AS: Carolin möchte unbedingt wissen, ob Sie von der „Schreiberei“ leben können oder ob Sie noch einen anderen Beruf ausüben?

VW: Ich gehöre zu den wenigen, die das Glück haben vom Schreiben leben zu können. Hin und wieder übersetze ich Bücher aus dem Englischen oder halte Lesungen aus meinen Büchern in Schulen, Büchereien oder Buchhandlungen, aber das gehört auch zum Beruf „Schriftstellerin“. Seit 2001 bin ich nichts anderes als das.

AS: Nicola möchte später auch Autorin werden und ist sehr an einem Schreibtipp von Ihnen interessiert!

VW: Herzliche Grüße an meine zukünftige Kollegin! Mein Rat an dich, Nicola: Lies. Lies jedes Buch, das dir in die Finger kommt, und zwar nicht nur aktuelle Bestseller. Lies die Bücher der alten Meister, lies die alten Griechen und Römer, die Russen, Franzosen, Deutschen, Österreicher, Engländer, Amerikaner, die die Literatur geprägt haben. Du wirst aus jedem Buch lernen und Techniken mitnehmen, manches für dich entdecken, vieles verwerfen, einiges bewundern und ab und an auf Lächerliches oder Langweiliges stoßen. Manche Autoren werden dich inspirieren, manche dich einschüchtern, einige wirst du lieben, andere meiden, aber sie alle werden dich in die Lehre nehmen und dich zu einer besseren Autorin, mit Sicherheit zu einem interessanteren Menschen machen.

AS: Und Kati möchte zu gerne wissen, was Ihnen am Schreiben am besten gefällt und wie viele Bücher Sie schon veröffentlicht haben?

VS: Kati, ich habe nachgesehen – ich glaube, bisher habe ich um die fünfzig Bücher veröffentlicht. Was mir am Schreiben am besten gefällt? Schwer zu sagen. Wahrscheinlich, dass ich alles sein kann, alles denken darf, alles fühlen muss. Auf die Art erfahre ich, was ich schreibe und darf in vielen Welten leben. Christian Bieniek hat einmal auf die Frage, was von seinem Leben er in seine Bücher einbringt, geantwortet: „Viel interessanter ist, was die Bücher in mein Leben einbringen.“ Besser kann man es nicht formulieren.

AS: Eine letzte Frage von mir: Was würden Sie den Menschen sagen, die der Meinung sind, Kinder- und Jugendbücher könne jeder schreiben?

VW: Dem stimme ich voll zu. Genauso kann jeder Bilder malen, Lieder singen oder Rollen spielen. Jeder, der schreiben kann, kann auch Bücher schreiben, natürlich auch Bücher für Kinder und Jugendliche. Das Schwierige ist, jemanden zu finden, der sie veröffentlicht. Und die Kunst liegt darin, jemanden zu finden, der sie lesen möchte.

AS: Liebe Frau Walder, vielen Dank für das Interview.

VW: Liebe Antje, ich danke Ihnen für die interessanten Fragen. Herzliche Grüße, Vanessa Walder

Das Interview führte Antje Szillat, im Juni 2007

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