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Kidslife-Magazin · Leben mit Kindern

Besondere Kinder in „normalen“ Schulen

Fragiles X-Syndrom

Jan, heute 18 Jahre alt mit Frax-Syndrom, hat von der ersten Klasse an eine Regelschule besucht. Seine Mutter, selbst Pädagogin, hat darum gekämpft und sich durchsetzen können. Die Erfahrungen, die Jan und seine Eltern dabei gemacht haben, sind überwiegend positiv. Die Befürchtungen der Eltern, das Kind könnte von den „normalen“ Kindern gehänselt und gemobbt werden, oder die Lehrer würden ihn vorwiegend als Unterrichtsstörung wahrnehmen, waren durchweg unbegründet. Das Gegenteil war und ist der Fall: Jan hat durch seine fröhliche Wesensart das Herz seiner Schulkameraden erobert und die Lehrer sind regelrecht dankbar für die Möglichkeiten ihren Unterricht zu öffnen, die sich aus den besonderen Bedingungen mit Jan ergeben. Haben wir es hier mit einem  Idealfall zu tun, der nicht verallgemeinerbar wäre? Oder ist das ein konkretes Beispiel für die Realisierbarkeit einer wichtigen Forderung der Zeit: Integration.

Nicht alle Eltern von besonderen Kindern haben die nötige Kraft, Zeit und Qualifikation, die derzeit noch nötig sind, um ihrem Kind den Besuch einer ganz normalen Schule zu ermöglichen. Aber jeder der Betroffenen weiß, wie wichtig es für sein Kind ist, nicht isoliert im ausschließlichen Kontakt mit anderen eingeschränkt lernfähigen Kindern, aufzuwachsen. Weniger verbreitet ist die Einsicht unter den Pädagogen und Eltern, dass es alle Beteiligten am Lebensabschnitt Schule sind, die von einem Reformweg der Integration profitieren.

Schon bevor die sogenannte PISA-Studie die Defizite des deutschen Schulsystems quittierte, war doch Schulunlust ein dominierendes Phänomen. Es leiden nicht nur die Kinder unter unserem starren lebensfremden System, es leiden mit Ihnen die Eltern und nicht zuletzt die Lehrer. Worin die Ursachen der Misere begründet sind, ist eine sehr komplexe Frage. Deshalb haben wir in Kidslife die verschiedenen pädagogischen Konzepte der „alternativen“ Schulmodelle in Deutschland vorgestellt. Und wir haben in dieser Rubrik die wesentlichen Merkmale der weitest verbreiteten Behinderungen „besonderer“ Kinder behandelt. Beginnend mit diesem Beitrag wollen wir nun die beiden Themen zeitgemäß zusammenführen.

Der Weg der Integration ist alternativlos

Die Einsicht in die Notwendigkeit und Alternativlosigkeit der Integration als gesamtgesellschaftliche Aufgabe muß in der gesamten Gesellschaft vorhanden sein, wenn dieser Weg mit Gewinn für Alle beschritten werden soll. Eine, vielleicht die wichtigste Voraussetzung für diese Einsicht, ist die Akzeptanz der Persönlichkeit der Kinder. Das klingt banal, setzt aber zum Beispiel voraus, dass wir sie zweckfrei erziehen und unterrichten. Unterrichtsformen, die vorrangig an einem  Bildungszweck orientiert sind und die Person des Kindes nachrangig behandeln, verfehlen ihr Ziel zwangsläufig bei den meisten Schülern. Eine Schule, die sich auf die zensierte Vermittlung eines Bildungskanons beschränkt, ohne die individuelle Befähigung und Neigung (jawohl Neigung!) des Kindes zu berücksichtigen, ist destruktiv. Das Ziel der Schule kann nicht die Zurichtung auf gesellschaftliche Erfordernisse ein, die ohnehin niemand voraussagen kann. Pädagogik muß ausgehen von den individuellen Bedürfnissen und Fähigkeiten des einzelnen Kindes. Sie muß ein gemeinsames Spielen und Lernen an einem Gegenstand ermöglichen.

Integration eröffnet neue Wege

Die Integration der besonderen Kinder erfordert eine Pädagogik, die sich nicht am Defekt orientiert, sondern die Kinder innerhalb einer Gruppe auf ihrem jeweiligen unterschiedlichen Entwicklungsstand erreicht. Die Einführung der Unterrichtsformen, die genau das ermöglichen, ist, zumindest an den meisten Staatsschulen, überfällig.

Jan war sehr stolz, als er in die Schule kam, war aber früher als die anderen Kinder erschöpft und bekam deshalb individuelle Auszeiten. Sonderpädagogen unterstützten die regulären Lehrkräfte, wenn es erforderlich war. „Den Lehrern seien behinderte Kinder nicht zuzumuten? Sie könnten den Unterricht nicht an die besonderen Bedingungen anpassen? Völliger Quatsch! Die können alles, was sie wollen!“ Jans Mutter gerät leicht in Wallung, als ich sie frage, ob ein Lehrer die gehobenen Ansprüche integrativen Unterrichts bei den heute üblichen Klassenstärken erfüllen kann. Sie ergänzt: „Das wichtigste ist, die Eltern zu integrieren.“ Ein Austausch zwischen den Eltern und der Schule kann das gegenseitige Verständnis fördern, ohne das sich die Einführung von offenen Unterrichtsformen und Gruppenarbeit schwierig gestaltet.

Wir wollen hier nicht das Bild vom generell unlustigen „Dienst-nach-Vorschrift-Lehrer“ projizieren, das wohl den wenigsten Lehrern gerecht wird und außerdem die Verhältnisse unter denen unterrichtet wird, außer acht lässt. Es sind vermutlich schon mehr reformwillige Lehrer mit ihren Vorschlägen an der Bürokratie und nicht zuletzt an ehrgeizigen Eltern gescheitert als umgekehrt. Die Eltern normal entwickelter Kinder projizieren oft die eigenen Bildungswünsche auf den Nachwuchs und fordern Leistungsdruck und ein Maximum an vermittelter Bildung. Die Eltern der behinderten Kinder indessen, legen ihren Interessenschwerpunkt auf die maximale Ausschöpfung der Entwicklungsmöglichkeiten und damit die Selbstverwirklichung ihres Kindes. Der Pädagoge wiederum versteht sich als kompetente Fachkraft und hat eine eigene Auffassung von Entwicklungsstand und –möglichkeiten des Schülers. Die drei Sichtweisen zu vermitteln und gegenseitiges Verständnis zu erzeugen, ist die Voraussetzung für die Öffnung und Erweiterung der schulischen Möglichkeiten, die ein integratives Schulwesen erfordert.

Der dazu nötige Gedankenaustausch soll hiermit nicht nur empfohlen, sondern auch eröffnet werden. Wir werden auf diesen Seiten die Positionen und Erfahrungen der Eltern, Lehrer und Kinder darstellen und so, hoffentlich, zum Gelingen der wichtigen und großen Aufgabe Integration beitragen. Deshalb möchten wir Sie, unsere Leser, bitten, uns zu schreiben. Jede Meinung ist uns wichtig, sie muss keinesfalls mit der Redaktionsmeinung oder dem vorherrschenden Konsens, der sich im Laufe der Diskussion abzeichnen mag, übereinstimmen. Diejenigen, die sich der integrativen Entwicklung entgegenstellen, werden ihre Gründe haben, in den meisten Fällen Ängste. Man kann Integration nicht aufzwingen. Es liegt in der Natur der Sache, dass sie allgemein gewollt sein muß.

Wir freuen uns auf Ihre Zuschriften, entweder digital an as@kidslife-magazin.de oder mit der Post an Redaktion Kidslife, Neutoatraße 35, 55116 Mainz.

Andreas Schmid

Hier finden Sie Informationen und Hilfe

www.frax.de

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