Nach oben

Kidslife-Magazin · Leben mit Kindern

Kinderwingert

Kinder im Weinberg

Liebe Barbara, vor einigen Jahren hast Du das Projekt „Niersteiner Kinderwingert“ ins Leben gerufen, wie bist Du auf diese Idee gekommen?

Ich war 2006 gerade in der Lehre zur Weinküferin in Nierstein, als mein Lehr-Weingut einen neuen Wingert (Weinberg) anlegte.

Da habe ich mir gedacht, ich könnte ja meinen ersten Beruf (Diplom-Pädagogin) mit meinem zweiten Beruf (Weinküferin) verbinden. In der Zeitung hatte ich von einem Kinderprojekt im Weinberg in Guntersblum gelesen – und diese Idee habe ich weiter entwickelt. Ich dachte mir, wir leben hier in Rheinhessen in einer Wein-Kultur-Landschaft und viele Kinder (und sicherlich auch Erwachsene) wissen gar nicht, was in einem Weinberg alles „passiert“.

Mein Lehr-Weingut Geschwister Schuch in Nierstein war auch sofort bereit, mir 50 Reben für Kinder zur Verfügung zu stellen.

Dann habe ich mit Susanne Benz aus Nierstein zusammen ein „Kinderwingert-Konzept“ (Kiwi) überlegt. Uns war wichtig, dass Kinder wirklich über ein ganzes Jahr erleben, wie sich die Reben entwickeln und was „sich so alles im Weinberg“ tut. Und – als Pädagogin – war mir ganz klar, dass die Kinder über diese ganze Zeit Verantwortung übernehmen sollen. Also bekam jedes Kind eine Rebe und wurde quasi „Rebpatin“ für diese Rebe.

Wie kann man sich das Projekt vorstellen – gibt es regelmäßige Treffen über das ganze Jahr?

Trefft ihr Euch immer am selben Weinberg und pflegt bestimmte Reben?

Und was passiert, wenn die Trauben reif sind?

Die erste Gruppe des Kinderwingerts hat 2006 damit begonnen, dass wir selbst unsere Reben gesetzt haben. Wir haben dann bei vier Treffen in Wingert verfolgt, wie sich unsere Rebe entwickelt. Das war sehr spannend, denn die kleinen Reben wuchsen ganz unterschiedlich und manche am Anfang sogar gar nicht. Da gab es viele unruhige Stunden, Zittern und sogar Tränen bei den Kindern. Aber letztendlich haben alle Reben es geschafft anzuwachsen und alle Kinder waren glücklich.

Natürlich konnten wir im ersten Jahr keine Trauben lesen, aber das Weingut Geschwister Schuch hat uns einen anderen Weinberg gegenüber unserem Kiwi zur Verfügung gestellt, und so konnten wir Trauben von Hand lesen, selbst mahlen und keltern und unseren ersten selbstgemachten Traubensaft trinken. Ich hatte eine alte Handmühle und eine alte Handkelter gekauft und wieder in Gang gesetzt, durfte Butten, Winzerschiffchen, Rutsche, Stützten und Eimer des Weingutes nutzen – so konnten wir alles so machen, wie man es früher gemacht hat – von Hand und mit viel Kraft. Das war ein tolles Erlebnis.

Die Kinder der nächsten Jahrgänge bekamen dann jeweils eine bereits bestehende Rebe und bringen an dieser Rebe ihr Namensschild an. Von der Arbeit über´s Jahr her hat sich nichts geändert, außer, dass wir uns jetzt fünfmal bis sechsmal treffen. Und zwischendurch arbeiten die Kinder selbstständig im Weinberg.

Wir starten mit dem Rebschnitt im Frühjahr, lernen den Aufbau der Rebe kennen und beginnen mit den ersten Einträgen in unser Wingertsbuch.

Beim zweiten Treffen steht die Bodenbearbeitung im Vordergrund und das Kennen lernen von Wildpflanzen im Weinberg. Wir sammeln und pressen die Pflanzen und legen ein Pflanzen-/ Kräuterheftchen an. Natürlich messen wir das Rebwachstum, zählen Augen usw. und lernen auch die Maschinen kennen, mit denen im Weinberg gearbeitet wird.

Beim dritten Treffen beginnen die Qualitätsarbeiten: die Bodenbearbeitung machen die Kinder jetzt schon „ganz selbstverständlich“. Dann geht es darum, das Wachstum der Rebe zu verfolgen, Gescheine zu beobachten, erste Geiztriebe zu entfernen, weitere Pflanzen kennen zu lernen und ganz viele Fachbegriffe der Winzersprache zu lernen. Und wir veranstalten einen „Traubenmarkt“ zu dem jedes Kind etwas mitbringt, was es rund um die Trauben und den Weinbau gibt von Schokolade bis hin zu Spielzeugtraktoren.

Beim vierten Treffen wird entblättert und entlaubt, geheftet, gegipfelt, Trauben reduziert (das machen die Kinder gar nicht gerne) – also alles, damit wir wirklich einen guten Traubensaft bekommen. Wir beobachten auch Tiere, die im Wingert leben, dazu haben wir alle kleine Lupen: Es ist immer ein besonderes Erlebnis, wenn für das Rebwachstum hilfreiche Marienkäfer oder Regenwürmer „durch alle Kinderhände laufen“.

Der Höhepunkt unseres Kiwi-Jahres, das ist dann unsere Traubenlese im Herbst. Das ist der Lohn für die Arbeit über das ganze Jahr. Wir machen wirklich alles von Hand – wie schon bei der ersten Kiwi-Gruppe. Die neuen Kinder werden auch gestumpt und wir feiern die Imbs zusammen – ein tolles Erlebnis.

Das Kiwi-Konzept ist ganz lebendig und wird immer weiter entwickelt und weiter verbessert. So gibt es inzwischen auch schon ein „Kellertreffen“, bei dem die Kinder erfahren, wie es dann mit ihrem Traubensaft weiter geht und wie aus ihm Wein wird. Wer weiß, was uns noch alles einfällt.

Die Kinder sind über das ganze Jahr mit großer Begeisterung dabei (die Eltern übrigens auch). Und nach dem Kiwi-Jahr wissen die Kinder ganz viel über die Entwicklung der Rebe, über Pflanzen, den Boden, das Wetter und „alles rund um den Weinberg“ – sie sind wirklich „kleine Winzer“ geworden.

Kinderwingert
Bei jeden der insgesamten 5 Termine werden die gerade anstehenden Arbeiten zunaechst theoretisch besprochen und erklaert und dann an der eigenen Rebe ausgefuehrt.
Hier bei der Weinlese

Wie viele Kinder nehmen in etwa an einer Gruppe teil?

Am liebsten nehmen wir 15 Kinder pro Gruppe. Weil in manchen Orten aber die Nachfrage so groß ist, nehmen wir dort 20 Kinder pro Gruppe. Da muss man aber schon einiges pädagogische Geschick haben – und die Eltern oder Großeltern müssen eifrig mithelfen (was die meisten richtig gerne tun und so selbst angesteckt werden).

Es hat sich gezeigt, dass es am besten ist, wenn die Kinder bereits Schulkinder sind, ideal ist, wenn sie schon selbst in ihr Wingertsbuch schreiben können.

Die Kinder melden sich nach Ankündigungen in der Tageszeitung bzw. inzwischen durch Mund-zu-Mund-Propaganda für den Kiwi an. Der Kostenbeitrag beträgt derzeit 35 € pro Jahr.

Gibt es auch Lehrmaterialien?

Ja, die Kinder führen ein „Wingertsbuch“. Das heißt, bei jedem Treffen schreiben wir auf, was wir arbeiten und erleben. Dazu gibt es auch immer Materialien zum ausfüllen oder ausmalen. Zusätzlich legen die Kinder noch ein kleines „Pflanzen- und Kräuterbuch“ an und lernen die hilfreichen Wildpflanzen in und um den Wingert kennen.

So können die Kinder über das ganze Jahr die Entwicklungen im Weinberg nach verfolgen. Und – es gibt Kinder, die über mehrere Jahre am Kinderwingert teilnehmen. Diese Kinder können sehen, wie unterschiedlich sich die Reben in jedem Jahr entwickeln und erleben so hautnah, wie das Wetter, Sonnen oder Regen, die Temperatur usw. das Wachstum der Reben beeinflussen.

Der „ Kinderwingert“ hat bereits Nachahmer in verschiedenen anderen Orten und auch in anderen Weingegenden in Deutschland gefunden – wie viele „Kinderwingerte“ gibt es inzwischen – und welche Regionen machen mit?

Ja, nachdem ich in Nierstein wegen der großen Nachfrage zwei Gruppen eingerichtet habe und die Nachfragen auch aus weiter umliegenden Orten kamen, habe ich interessierte Kolleginnen und Kollegen der Kultur- und Weinbotschafter Rheinhessen (KWB) angeleitet und ihnen meine ganzen Materialien zur Verfügung gestellt. So gibt es inzwischen in Rheinhessen Kinderwingerte der Kultur- und Weinbotschafter in: Alsheim, Ensheim, Essenheim, Mainz-Ebersheim, Saulheim und Welgesheim und alle arbeiten nach dem gleichen Konzept und mit den gleichen Materialien. Wir haben eine Arbeitgruppe eingerichtet, in der die einzelnen Kiwi-Treffen immer gemeinsam vorbereitet werden und in der auch immer wieder neue Ideen entwickelt werden. So hat sich meine ursprüngliche „Materialkiste“ auch noch einmal erweitert.

2011 sind weitere Kiwis geplant in Bodenheim, Dorn-Dürkheim, Eckelsheim, Flörsheim-Dalsheim, Guntersblum.

2010 gab es auch zwei sehr erfolgreiche Pilotprojekte mit Kindergärten, sodass wir überlegen, auch ein Konzept für Kindergärten zu entwickeln.

Darüber hinaus habe ich meine Unterlagen auch weiter gegeben an die KWB von der Nahe, der Mosel und der Pfalz. 2010 gab es schon den ersten Kiwi an der Nahe, 2011 wollen KWB an der Mosel und in der Pfalz nachziehen.

Kinder, die am Kinderwingert teilgenommen haben, wissen bestimmt mehr über Weinbau als ihre Eltern – dürfen auch die mal hineinschnuppern?

Ja, die Kinder wissen wirklich viel – und die Eltern, die immer dabei sind auch.

Ich habe im ersten Kiwi-Jahr auch probiert für Erwachsene ein ähnliches Konzept mit vier Treffen anzubieten, weil ich selbst einen kleinen Wingert besitze, in dem man „ungestraft“ arbeiten und ausprobieren kann. Aber das hat irgendwie nicht funktioniert.

Wir Kultur- und Weinbotschafter würden gerne ein solches Projekt auch mit Erwachsenen durchführen. Gefragt wird zwar immer wieder danach, aber anmelden tun sich die Erwachsenen dann doch nicht. Deshalb gibt es das bisher noch nicht. Wenn Nachfrage da ist – ich mache das, keine Frage.

Weitere Informationen:

Barbara Reif, Nierstein, Tel. 06133 / 927 667

info@wein-begegnet-kultur.de, www.wein-begegnet-kultur.de,

Kontaktdaten der anderen Kinderwingerte in der Broschüre der KWB 2011 und über:

info@kultur-und-weinbotschafter-rheinhessen.de oder www.kultur-und-weinbotschafter-rheinhessen.de

Kinderwingert
Bei jeden der insgesamten 5 Termine werden die gerade anstehenden Arbeiten zunaechst theoretisch besprochen und erklaert und dann an der eigenen Rebe ausgefuehrt.
Hier bei der Weinlese