Von Menschen, Avataren und Fantasy-Welten
- Bild von Carolin Lätsch (13)
Ein stummer Schrei aus Schmuck, Porträts von „Avataren“ und (Alp-) Traumlandschaften wie aus Fantasy-Filmen – so sieht es aus, wenn die junge Fotoszene loslegt und ihre Sicht der Dinge in eigene Bilder bannt.
Bilder voller Witz, Bilder, die erschrecken und begeistern: Beim Deutschen Jugendfotopreis zeigten Kinder und Jugendliche, was sie bewegt und mit wie viel Kreativität und Können sie ihre eigene Bildsprache finden. 3000 junge Fotobegeisterte nutzten die Gelegenheit, ihre Bilder einzusenden und schickten insgesamt 17.000 Fotos – das ist ein neuer Rekord und war eine Herausforderung für die Jury, die sich aus Fotografen, Bildredakteuren, Medienpädagogen und ehemaligen DJF-Preisträgern zusammensetzt.
Unverstellte Kinder-Blicke
Die Arbeiten des Foto-Nachwuchses führen den Betrachter auf eine spannende Bilderreise. Schon die Fotos der jüngsten Teilnehmer beeindrucken durch Witz und Experimentierfreude. So wie die Bildserie von Isabel Masri. Die 10-Jährige plünderte die Schmuckschatulle ihrer Mutter und arrangierte ein phantastisches Objekt auf dem Teppich: Ein Armreif wird zum weit aufgerissenen Mund, eine Brosche verwandelt sich in ein Auge – und dann hat Isabel das Ganze noch am Computer bearbeitet und ganz spielerisch eine Bildserie komponiert.
Auch beim ernsten Thema „Alter“ beeindruckte eine der jüngsten Teilnehmerinnen des Wettbewerbs: Emily Hiltmann begleitete einen Tag lang ihre Urgroßmutter mit der Kamera. Mit unverstelltem Blick vermittelt die 7-Jährige ganz eindrücklich, wie schwer es sein kann, sich zu waschen und aus dem Haus zu gehen
Emotionen und Rollenspiele
Bilder zwischen Heiterkeit und Schwermut, zwischen cooler Inszenierung und düsterer Weltsicht fotografierten die älteren Teilnehmer. Das Spiel mit den analogen und digitalen Gestaltungsmitteln und das Erforschung neuer Selbst- und Rollenbilder sind die zentralen Themen der 13- bis 20-Jährigen. So begeistert Carolin Lätschs Fotoserie über Rasenmähen, Holz hacken und andere Wochenendarbeiten durch ihre schwebende Leichtigkeit. Ganz anders Milena Arenz Foto „Last train home“: Im Fenster eines Zuges spiegelt sich das Bild einer jungen Frau. Nachdenklich sieht sie aus, voller Sehnsucht nach einem vergangenen Moment.
Gefühlszustände sind auch das Thema von Artur Krutsch, der allegorische Diptichen über die vier Grundgefühle des Menschen gestaltet hat – und sehr drastisch die Trauer um eine verlorene Liebe ins Bild setzt. Diskoqueen oder Karrierefrau? Mafia-Macho oder Streber? Die Mitglieder der „Gang Of Gangsters And The Traditional Stars“ haben es vor der Kamera ausprobiert und sind in verschiedene Rollen geschlüpft. Die Ergebnisse ihrer Rollenspiele haben sie im Passbild-Look aneinandermontiert.
Digitale Endzeitstimmung
Ein weiteres Thema älterer Jugendlicher sind düstere Schauplätze. Niemandsland, Gegenden, die Orte eines Verbrechens sein könnten – wie nächtlichen Straßen auf den Fotos von Hannes Jung. Hier glaubt man förmlich unheimliche Schritte hinter sich zu hören. Ähnliches Unbehangen beschleicht den Betrachter beim Anblick von Sebastian Schierenbergs digitalen Montagen von U-Bahnhöfen und anderen Gebäuden unserer Zivilisation, die langsam vom Urwald verschlungen werden
Fantasy-Filme oder Computerspiel-Szenerien à la „World of Warcraft“ standen bei vielen dieser Endzeit-Landschaften Pate. Dennoch – oder vielleicht gerade deswegen – üben die kunstvoll komponierten Bilder eine geradezu magische Anziehungskraft aus. Denn die jungen Fotokünstler beherrschen die digitalen wie analogen Aufnahme- und Gestaltungsmittel virtuos. Das gilt ganz besonders für die Bilder von Michael Lämmler und Martin Mascheski, die auf unterschiedliche Weise die Deformierung und Verwandlung des modernen Menschen zeigen: Lämmler inszenierte im Studio verwundete, grotesk verkabelte Gestalten, die zu grausigen Skulpturen erstarrt zu sein scheinen. Mascheski hingegen hat eine neue digitale Form des Porträts erfunden: Die Porträtierten sehen aus wie Avatare aus dem Second Life und haben doch eine sehr individuelle menschliche Ausstrahlung.
Isabel Masri, 10: „Der Schrei aus Ketten“
1. Preis Altersgruppe A (bis 10 Jahre)
Aus Mutters Schmuck gestaltete die 10-jährige Berlinerin auf dem Teppich eine originelle Installation, die Bilder verfremdete sie anschließend noch höchst kreativ am Computer.
Emily Hiltmann, 7: „Eine alte Frau“
1.Preis Altersgruppe A, Sonderthema „Ganz schön alt“
Emily hat ihre Urgroßmutter einen Tag lang begeleitet – mit dem ganz eigenen Blick einer 7-Jährigen und beweist bei ihren Bildern ein großes Talent für Bildkomposition.
Carolin Lätsch, 13: „Schwebende Pflichten“
1. Preis Altersgruppe B (11 bis 15 Jahre)
Mit Leichtigkeit meistert Carolin Lätschs Actionheld die artistischen Anforderungen der Gartenarbeit. Gekonnt hat die junge Fotografin die Bewegungen ihres Darstellers mit dem Blitz eingefroren.
Gang Of Gangsters And The Traditional Stars: Gangster und Kleinganoven
Gruppenpreis Altersgruppe C (16 bis 20 Jahre)
Wer träumt nicht davon, in eine andere Rolle zu schlüpfen? Die Mitglieder der „Gang Of Gangsters And The Traditional Stars“ haben es ausprobiert und wie bei Passbildern immer vier Motive aneinandermontiert.
(Bilder von Aliye Kandemir und Björn Behrend)
Sebastian Schierenberg, 25
Förderpreis Altersgruppe D (21 bis 25 Jahre)
Ein U-Bahnhof, von Wald und Farn überwuchert – Endzeitstimmung verbreiten die gekonnten digitalen Montagen, die an Szenen aus Fantasy-Filmen erinnern.
Michael Lämmler: „Freisetzung in 6 Akten“
1. Preis Altersgruppe D (21 bis 25 Jahre)
Verkabelte Menschen, ihrer Lebendigkeit beraubt und zu Skulpturen erstarrt – Horrorvisionen einer Zukunftswelt zeigen die klassichen Analogfotos von Michael Lämmler.
Martin Mascheski: „Die virtuelle Realität“
1. Preis Imaging Wettbewerb „Next Level“, Altersgruppe D (21 bis 25 Jahre)
Avatare oder reale Menschen? Martin Mascheskis hat hier eine neue zeitgemäße Form des Porträts geschaffen: Seltsam fremd wie virtuelle Gestalten und doch hat jede Person eine eigene Ausstrahlung
Fotofieber.de – die Community für die junge Fotoszene
Der Deutsche Jugendfotopreis ist der größte Foto- und Imaging-Wettbewerb für Kidner und Jugendliche in Deutschland. Er findet alle zwei Jahre statt. Veranstaltet wird er vom Kinder- und Jugendfilmzentrum in Deutschland (KJF). Das KJF ist aktiv in den Bereichen Film, Fotografie, Video und Multimedia. Es unterstützt Kinder und Jugendliche sowie Familien und ältere Menschen beim kreativen Umgang mit Medien. Außerhalb des Deutschen Jugendfotopreises bietet das KJF fotobegeisterten Kindern und Jugendlichen mit der Community Fotofieber.de ein Forum für ihre Bilder und den direkten Austausch mit Gleichgesinnten.
Mehr Infos:
www.jugendfotopreis.de
www.kjf.de
www.fotofieber.de
„Die Fotografie bietet mir die Möglichkeit meine Gedanken und Gefühle zu zeigen, ohne sie wirklich direkt zu sagen.“
Nele Winkelmann, 17 auf www.fotofieber.de







