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Kidslife-Magazin · Leben mit Kindern

Anstrengende Trotzphase – was tun?

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Foto: Pixabay

Gestresste Eltern, tobende Kinder – wie gehe ich mit der Trotzphase meines Kindes um?

Die Trotzphase wird bei Kindern mit etwa eineinhalb Jahren beobachtet und dauert bis ins dritte, seltener ins vierte Lebensjahr. Die Ursache für das kindliche Verhalten liegt in einem Meilenstein in der psychologischen Entwicklung des Kindes.

Eltern erzählen

„Es war Montagmorgen und meine Tochter Marie (2 J.) sollte zur Kinderkrippe gebracht werden. Ich stand unter zeitlichem Druck, weil ich zu einem wichtigen Termin in die Arbeit musste. Als ich Marie ihre Stiefel anziehen wollte, griff sie nach ihren neuen Lackschuhen und lief mit ihnen fort. Ich rief: „Marie, komm zurück!,“ doch sie hörte nicht. Schließlich schnappte ich sie mir im Wohnzimmer. Gegen ihren Willen versuchte ich, Marie die Stiefel anzuziehen. Doch sie sagte immer wieder: „Neue Schuhe alleine anziehen!“. Als ich durchgreifen wollte, brüllte sie: „Alleine!“, und trat nach mir.“. Fiona M. (31 J.)

„Neulich begleitete mich mein Sohn, Alexander, (3 J.) zum Wochenendeinkauf in einen großen Supermarkt. Wir fuhren mit dem Wagen hin, doch schon die Parkplatzsuche gestaltete sich mehr als schwierig. Mir ist die Lust zum Einkaufen vergangen. Alex hat sich zunächst ganz brav in den Einkaufswagen gesetzt. Doch bereits nach kurzer Zeit wurde er zappelig und wollte heraus. Er ist sofort hinters Einkaufsregal gelaufen und kam mit einer Großpackung Gummibärchen zurück. In der Schlange zur Kasse quengelte er, weil er noch Kaugummis haben wollte. Als er die Packung aus dem Regal nahm und sie aufriss, habe ich sie ihm weggenommen. Daraufhin warf er sich auf den Boden und weinte.“. Karsten A. (39 J.)

Was bedeutet die Trotzphase?

Trotzverhalten wird bei Kindern mit etwa eineinhalb Jahren beobachtet und dauert bis ins dritte, seltener ins vierte Lebensjahr. Die Ursache für das kindliche Verhalten liegt in einem Meilenstein in der psychologischen Entwicklung des Kindes. Die sogenannte Trotzphase (die Entwicklungspsychologie spricht auch von der Autonomiephase) ist dadurch gekennzeichnet, dass das Kind immer stärker nach Autonomie (altgriechisch = Selbstständigkeit) strebt. Während sich das Kleinkind vorher in all seinen Handlungen und Einstellungen an seinen Eltern orientiert hat, wird ihm plötzlich bewusst, dass es eine selbstständige Persönlichkeit hat. Das Kind, das im Begriff ist, seine Selbstständigkeit zu entdecken, strebt nach einer Ablösung aus der Abhängigkeit vom Willen der Bezugsperson (Mutter oder Vater). Bisher war sein Eigenwille mit dem Willen der Mutter eng verbunden. Die Entdeckung seines Willens wird mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln, wie Schreien, „Nein – Sagen“ und Toben, durchgesetzt. Die Entfaltung der Autonomie ist eines von drei Grundbedürfnissen des Kindes. Sie steht für das Bedürfnis nach freier Bestimmung, die vorher nun zum ersten Mal eigenständig zu erkennen gibt (vgl. Deci & Ryan, The initiation and regulation of intrinsically motivated learning and achievement). Unsere Expertin, Frau Dr. Becker-Stoll, Leiterin des Frühpädagogischen Instituts in München, führt neben dem Bedürfnis nach Autonomie noch zwei weitere Grundbedürfnisse an, deren Entstehung und Regelung in der Trotzphase von größter Bedeutung sind. Dabei handelt es sich zum Einen um das Grundbedürfnis der Eigenkompetenz. Zum Anderen um das Grundbedürfnis nach Bindung.

Das Bedürfnis nach Eigenkompetenz äußert sich in der Entschlossenheit des Kindes, alles im Alleingang tun zu wollen. Im Trotzalter entwickelt das Kind körperliche Fertigkeiten und will sich nicht mehr von den Eltern unter die Arme greifen lassen. Es möchte vielmehr die Welt erobern und seine eigenen Wege gehen (vgl. M. Hofferer: „Wenn Kinder trotzen. Hilfe, das ICH meines Kindes erwacht!“). Dieses Bedürfnis mündet in dem Erlebnis, das erste Mal eigenständig zu sein. Diese Erfahrung ist für das Kind und die Eltern neu und führt bei zu starken emotionalen Konfrontationen.

Als weiteres Grundbedürfnis des Kindes führt unsere Expertin, Frau Dr. Becker-Stoll, die Bindung an. Trotz der neuen Selbstständigkeit bleibt das Grundbedürfnis des Kindes nach emotionaler Bindung zu seinen Eltern erhalten. Das Kind möchte trotz und gerade wegen seiner „Trotzanfälle“ geliebt und verstanden werden. Es trotzt nicht, um die Eltern zu verletzen, sondern weil dies für seine Entwicklung von größter Bedeutung ist und letztendlich ganz natürlich ist. Dadurch lernt es seinen eigenen Willen kennen und steuern. Zum ersten Mal in seinem Leben erlebt es sich bewusst kompetent und damit auch selbstständig. Im Trotzalter macht das Kind grundlegende Erfahrungen, die ihm im weiteren Leben helfen.

Doch wie können Eltern die Grundbedürfnisse des Kindes befriedigen ohne, dass sie selbst ihre Bedürfnisse aus den Augen verlieren? Wie können Eltern in der Trotzphase entspannt bleiben und diese sogar genießen?

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Erziehungsalltag

In den ersten eineinhalb Jahren scheint die familiäre Umwelt noch in Ordnung zu sein. Das Baby ist meistens glücklich und strahlt seine Eltern an. Doch bereits ab dem zweiten Lebensjahr zeigen Kinder deutliche Anzeichen von Wut, Ärger und Trotz. Auf einmal lässt sich das Kind nicht mehr so leicht beruhigen oder ablenken. Es widersetzt sich, will keine Regeln mehr befolgen, ist wütend und tobt oftmals lautstark ohne ersichtlichen Grund. Zudem kommt, dass das Kind alles alleine machen möchte. Es will sich alleine ankleiden und alleine essen. Es ist von seinen Fähigkeiten überzeugt, aber noch gelingen ihm die Dinge nicht so, dass sich ein sichtbares Ergebnis zeigt. Ein Satz wie: „Kann ich Dir helfen?“ kann bereits einen Tobsuchtsanfall auslösen (vgl. Jan-Uwe Rogge, Der große Erziehungsberater, S. 110-136). Da es auch alles alleine zu Ende bringen will, protestiert es lautstark, wenn Eltern ihm helfen wollen.

Ein anderes Beispiel: Das Kind ist in ein Spiel vertieft. Plötzlich kommen die Eltern und sagen: „Komm Schatz, jetzt müssen wir aber los!“. Ohne ersichtlichen Grund beginnt das Kind zu toben. Es wirft sich auf den Boden und schlägt wie wild um sich. Jeder Versuch, es zu beruhigen, bringt es noch weiter in Rage. Das Kind reagiert auf jede Veränderung von Gewohnheiten, wie beispielsweise auf eine anstehende Reise, mit Enttäuschung, die sich in Frust, Wut und Zorn wandelt. Mit dem Trotz, den ein Kind in diesem Alter entwickelt, drückt sich die zunehmende Entwicklung seiner Selbstständigkeit aus. Doch die Eltern sind verzweifelt – sie erkennen ihr eigenes Kind nicht mehr. Das Idyll eines glücklichen familiären Zusammenlebens scheint in unerreichbare Ferne gerückt zu sein.

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Neue Wege gehen – Kinder verstehen lernen

Gehen Sie feinfühlig mit Ihrem Kind um!

Das erste Beispiel verdeutlicht, dass Kinder schon sehr früh das Bedürfnis haben, Dinge selbst zu tun und damit Kompetenzen zu erwerben. Marie möchte selbstbestimmt handeln und die Schuhe ihrer Wahl selber anziehen, weil sie sich dabei als selbständig und kompetent erleben kann. Ihr Bedürfnis nach Autonomie und Kompetenz prallt hier auf das Bedürfnis der Mutter, Marie schnell die wetterfesten Schuhe anzuziehen und sie rechtzeitig zur Krippe zu bringen, um selbst nicht zu spät zu kommen.

Damit Kinder ein aktives Erkundungsverhalten zeigen und sich mit ihrer Umwelt auseinandersetzen, brauchen sie die Basis einer sicheren Bindungsbeziehung zu ihren Eltern. Sind die Eltern für ihr Kind verlässlich verfügbar und gehen sie feinfühlig auf seine Bedürfnisse ein, dann bildet das Kind eine sichere Bindungsbeziehung zu ihnen aus. Diese ersten Bindungsbeziehungen zu den Eltern sind nicht nur wichtig, um von dort aus die Umwelt zu erkunden und eigene Fähigkeiten und Fertigkeiten zu erwerben, sondern auch, weil Kinder in diesen Beziehungen den Umgang und die Regulation von Gefühlen erfahren und erlernen.

Trösten Sie Ihr Kind bei Kummer und helfen Sie ihm wenn es sich ärgert!

Die Fähigkeit, vor allem negative Gefühle wie Ärger, Traurigkeit oder Angst zu regulieren, ist nicht angeboren, sondern wird erst bei den ersten Beziehungserfahrungen erlernt. Je kleiner ein Kind ist, desto stärker ist es darauf angewiesen, dass ihm Eltern helfen, mit seinen Gefühlen umzugehen. Um sich zu beruhigen, braucht ein Kind bei Kummer Trost bei Ärger Hilfe und bei Angst Ermutigung und Sicherheit.

Gelingt es der Mutter, Marie liebevoll und einfühlsam bei der Bewältigung ihrer negativen Gefühle zu unterstützen, so wird Marie nach und nach lernen, ihre Gefühle selbst zu regulieren. Durch die emotionale Geborgenheit ihrer Mutter, lernt Marie ihre Gefühle wahrzunehmen, ihre Ursache zu erkennen und wirksame Strategien des Umgangs mit ihnen zu erlernen.

Sie können die Situation im Vorfeld entspannen!

Um einem Trotzanfall zu vermeiden, könnte die Mutter schon am Vortag mit Marie die Kleidung für die Kinderkrippe aussuchen. So könnte sie Zeit sparen, da Marie schon mit dem Anziehen der Schuhe beginnen kann, während die Mutter sich selbst anzieht. Je mehr Möglichkeiten Marie bekommt, selbst aktiv zu werden und ihre Kompetenzen bei der Vorbereitung des Tages, also beim Ankleiden, Frühstücken etc. selber erproben kann, desto weniger Enttäuschungen erlebt sie.

Sich selbst beobachten

Helfen Sie Ihrem Kind, mit seinen Gefühlen umzugehen!

Das zweite Beispiel zeigt, wie schwierig es ist, die Gefühle des Kindes zu regulieren, wenn die eigene Anspannung oder Belastung groß ist. Für Alexander und seinen Vater Karsten ist der gemeinsame Einkauf gleichermaßen anstrengend, und für Alexander eine Aneinanderreihung von Frustrationen. Er kann weder seinem Bedürfnis nach freier Erkundung der Umgebung noch seinem Bewegungsdrang nachgehen und erfährt sich auch nicht als kompetenter Helfer, da seine Versuche, einzukaufen, auf Ablehnung beim Vater stoßen. Dazu kommen bei Alexander zur Reizüberflutung und Frustration auch noch Müdigkeit und Langweile hinzu.

Trotzverhalten bei Kindern hängt mit der Nicht-Erfüllung ihres Grundbedürfnisses nach Autonomie und Kompetenz zusammen, die zu Wutausbrüchen und Verzweiflung führen. Aber auch Situationen, in denen Kinder emotional überfordert, müde, abgespannt und zu vielen Reizen ausgesetzt sind, tragen zu Gefühlsausbrüchen bei. Kinder sind auf die Hilfe ihrer Eltern angewiesen, um mit diesen überwältigenden Gefühlen umzugehen. In dieser Überforderungssituation hilft es Kindern am besten, wenn Eltern ihrem Kind signalisieren, dass sie da sind und bereit sind, ihr Kind zu unterstützen. Je nach Temperament des Kindes kann eine liebevolle Umarmung oder ein ruhiges Abwarten helfen. Entscheidend ist, die Haltung der Eltern zum Kind in der Situation und das Wissen darum, dass ein Kind in diesem Alter seine Gefühle nicht selber regulieren kann. Liebevolle, geduldige Zuwendung führt bei einem Trotzanfall zur Schlichtung des Konfliktes, manchmal ist auch Humor oder eine witzige Ablenkung hilfreich.

Beugen Sie einem Trotzanfall vor!

Am besten ist jedoch das Vorbeugen. Genau hinsehen, wann ein Trotzanfall kommt, um beim nächsten Mal die Situation im Vorfeld entspannen zu können.

In unserem Beispiel der Vater, Karsten, könnte z.B. bedenken, dass der Wochenendeinkauf für Alexander anstrengend und ermüdend sein wird. Er könnte für seinen Sohn eine kleine Brotzeit, Etwas zu trinken und sein Lieblingsspielzeug mitnehmen. Er könnte auch versuchen, Alexander beim Einkaufen Aufgaben zuzuteilen, z.B. ihn fragen, welche Dinge er suchen und in den Einkaufswagen legen möchte. Beim Warten an der Kasse, könnten Brotzeit oder Spielzeug zum Einsatz kommen. Alexander kann dann auch helfen, die Waren auf das Band zu legen und zum Auto zu tragen. So könnten die Bedürfnisse des Kindes nach Aufmerksamkeit und Zuwendung sowie nach selbstbestimmter Mitwirkung und dem Erleben eigener Kompetenz berücksichtigt werden.

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Nehmen Sie das „Nein“ nicht persönlich

Versuchen Sie stets daran zu denken, dass es sich beim Trotzalter um eine sehr wichtige, zeitlich begrenzte Entwicklungsstufe im Leben Ihres Kindes handelt. In dieser Phase wird sich Ihr Kind seines eigenen Willens bewusst und strebt nach Autonomie. Die daraus entstehenden familiären Konflikte sind natürlich und stellen keinen Kampf dar, bei dem es Gewinner und Verlierer gibt.

Überprüfen Sie Regeln und Verbote

Versuchen Sie, in der Trotzphase Ihrem Kind Struktur und Beständigkeit zu geben. Bringen Sie es nicht durch neue Regeln und Verbote durcheinander, wenn es schreit und tobt. Überprüfen Sie lieber Ihre Regeln und Verbote. Oftmals gilt dabei die Regel: Weniger ist mehr. Erklären Sie Ihrem Kind klar und deutlich, was Sie wollen und nicht wollen (vgl. M. Hofferer: „Wenn Kinder trotzen. Hilfe, das ICH meines Kindes erwacht!“). Achten Sie bitte darauf, dass auch Sie sich an die Abmachungen halten. Denn was für Ihr Kind gilt, gilt auch für Sie.

Veränderungen vorausplanen

Versuchen Sie Ihrem Kind die Möglichkeit zu geben, sich auf Veränderungen vorzubereiten. Planen Sie, wenn möglich, für alle Tätigkeiten mehr Zeit ein. Vermeiden Sie dabei Situationen, die zur Eskalation führen könnten. Überlegen Sie von vornherein, wann Ihr Kind einen Trotzanfall bekommt. So können Sie Trotzanfällen vorbeugen und beim nächsten Mal die Lage entspannen.

Selbstständigkeit fördern

Ihr Kind möchte alles alleine machen? Um seine Selbstständigkeit zu fördern, könnten Sie Ihrem Kind ein paar kleinere Aufgaben im Haushalt übertragen. Lassen Sie es Dinge tun, die es sicher beherrscht. Sie sich Zeit für gemeinsame Unternehmungen, in denen ihr Kind miteinbezogen wird.

Manchmal hilft eine Auszeit

Trotzanfälle sollten nicht bestraft werden, denn Strafen verschärfen nur das Problem. Wenn Sie sich mit der Situation überfordert fühlen, ist es manchmal sinnvoll, das Kind in sein Zimmer zu schicken, oder selbst in ein anderes Zimmer zu gehen. Wenn es Ihnen möglich erscheint, sollten Sie sagen: „Wenn du dich beruhigt hast, kannst du wiederkommen!“.

Adressen, die weiterhelfen

Wenn Sie sich mit der Trotzphase Ihres Kindes überfordert fühlen, können Sie jederzeit professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Zum Beispiel das Elterntelefon. Dort werden Sie anonym und kostenlos beraten: Tel.: 0800/111 0 550 (Mo. und Mi. von 9:00 bis 11:00 Uhr, Die und Do. von 17:00 bis 19:00 Uhr). Die Adressen anderer Beratungsstellen können Sie im Beratungsführer online der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Jugend- und Eheberatung e.V. (DAJEB) abrufen.

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