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Kidslife-Magazin · Leben mit Kindern

EIN TAG IM WALDKINDERGARTEN

TOBEN ZWISCHEN FARN UND BÄUMEN – KINDERGARTEN IN DER NATUR

von GREGOR STICKER

Waldkindergarten

Die Natur ist der beste Spielplatz: Holz zum Hüttenbauen, Blätter zum Basteln, Büsche zum Verstecken und das Toben an der frischen Luftmachen fit und gesund. Die Initiatoren von Waldkindergärten haben das längst erkannt. Ihr Konzept: Die Kinder spielen und lernen ausschließlich im Freien – bei Wind und Wetter.

Wie eine wilde Büffelherde trappelt die losgelassene Kindermeute bergab. Mit weit ausgebreiteten Armen stehen die Eltern am Fuß des Hügels und versuchen, ihre glitschigen Kleinen zu schnappen. Als ich als Letzter mit unserem Bollerwagen durch den strömenden Regen am Bauwagen ankomme, ist das freundliche Chaos schon fast organisiert. Das große Verabschieden nimmt seinen Lauf.

Dabei hatte der Tag ganz ruhig und beschaulich begonnen, als ich um acht den Bauwagen aufschloß. Als erster kommt Fabian, heute der erste Waldwicht und wir begrüßen uns wie alte Freunde. Fabian hilft gerne beim Beladen des Bollerwagens. Erste-Hilfe-Kasten, Sitzmatten, Wechselkleidung, Werkzeugkasten, ausgewählte Bücher und etwas Bastelmaterial verstauen wir fachgerecht. Weil der Himmel so grau aussieht, packe wir unser großes Überdach, eine riesige Zeltplane, auch noch drauf. Nach und nach trudeln auch die anderen Kinder ein. Um viertel vor neun, als die Mannschaft komplett ist, gilt das Kommando: Baumtänzer, bergan!

Das Waldabenteuer beginnt mit dem täglichen Anfangskreis bei dem alle Kinder aufgerufen werden – dann kann es losgehen; zum ersten Mal rennen heute alle bergab. Das ist gar nicht so einfach, aber wer fällt, landet weich auf dem Laubpolster. Der große Samuel ist jetzt in der Schule, aber als er im Wald anfing, ist er ungefähr eine Million Mal pro Tag hingefallen – und immer wieder aufgestanden. Er ist übrigens heute ein As in seinem Fußballclub…

Über drei Hügel müssen wir bis zur Hasenwiese, langsam geht’s voran. Da gibt’s den gelben Pfahl an dem man sich so schön drehen kann, fast wie Karussell. Und oben steht ein Holzgeländer, prima zum Turnen und Balancieren. Aber als Maria und Samuel dieses seltsame Insekt mit den sechseckigen grün-rot-getupften Flügeln herumzeigen, vergessen alle den Sport. Der kleine Krabbler kann sogar inder Becherlupe an der Wand hochklettern, wie macht er das bloß? “Ich weiss auch nicht…”, sagt Maria. Die Sonne scheint ein bisschen durchs Blätterdach und tupft gleißende Lichtflecke auf die vielen braunen, orangen und gelben Blätter am Boden. Im Herbst steht die Sonne oft schräg und glitzert zwischen den Bäumen, das sieht toll aus. Es ist nicht mehr so heiß wie im Sommer und manchmal rauscht der Wind durch die Zweige. Aber wenn es stürmt, werden oft dicke Äste abgerissen und krachen zu Boden. Die Baumtänzer gehen dann nicht in den Wald; vielleicht machen sie einen Ausflug zur Bücherei oder in die Stadt…

Auf der Hasenwiese klettern Aron und Lydia sofort auf den Brunnen, einen Eimer haben sie sich in weiser Voraussicht schon vom Bollerwagen genommen. Aus der Brunnentülle rieselt ein winziges Rinnsal, aber wenn man lange genug wartet, kann man damit ganze Stauseen füllen. Aris, Viktor und Max sind heute als Ingenieure tätig und beratschlagen sofort die Planung der Stauanlagen.

Waldkindergarten

TAGE IM WALDKINDERGARTEN SIND VOLLER UNVERGESSLICHER ERLEBNISSE.

Inzwischen haben die Erzieher den großen Frühstückskreis mit Sitzmatten gelegt; Edgar und Amalia mussten helfen. Das ist gut gelungen, der Kreis ist fertig, und in der Mitte steht die Tasche mit dem Tee, Wasser und heisser Brühe. Esbraucht kein besonderes Signal, denn alsbald finden sich alle hungrigen Kinder ein und die ersten waschen bereits ihre Hände.

Das ist der schönste Moment des Tages, wenn die Frühstücksdosen geöffnet und die Schätze entdeckt sind. Alle plaudern und erzählen und ein Schlückchen von dem leckeren Apfeltee schmeckt einfach umwerfend. Wir könnten ewig hier sitzen…

„Nach dem Frühstück wollen wir ein Experiment machen“, kündigt Wencke an, und die Resonanz ist riesengroß. Gut dass auf der Hasenwiese ein grober Tisch für die Spaziergänger steht, da können alle rundherum was sehen. Es ist mucksmäuschenstill und wir sind sehr gespannt, ob das Experiment klappt. Vier Kinder haben auf ein Stück Filterpapier einen dicken Punkt mit Filzstift aufgemalt und mittendrauf einen Tropfen Wassergesetzt. Das Wasser nimmt die Farben des Schwarz mit auf die Reise und zarte bunte Ringe wandern vom Mittelpunkt weg. Auch in den grünen Blättern der Bäume und Sträucher sind nicht nur grüne sondern noch viele andere Farben, die wir erst im Herbst sehen, wenn das Blattgrün sich zurückzieht…

Malena schnitzt lieber und hat die Rinde des Astes abgeschält, bis das weiße Holz zum Vorschein kam. Innen war die Rinde hellgrün und sie duftete ganz herrlich. Aris hat heute leider keine Zeit zum Sägen, denn sein Stausee ist bald fertig und wird mit Wasser gefüllt – hurra, die Statik stimmt. Wie auf ein Stichwort öffnet der Himmel seine Schleusen und es gießt in Strömen. Die Jungs und Malena sind ziemlich begeistert, als Rinnsale aus Sand und Regen in ihren Flusslauf rinnen. Die Erzieherinnen rennen über die Wiese und verteilen die letzten Regenjakken an die Jüngsten. Es ist sehr lustig. Als dann der erste Aufruf zum Gehen kommt, will noch keiner so recht. Aber wir müssen packen und zurück. Es ist anders jetzt, mit all dem Regen. Die Füße patschen so schön und von den Hügeln fließen kleine Bäche über den Weg. Wir brauchen ziemlich lange, besonders weil Maria, Samuel und Elisa uns noch das Mauseloch zeigen, das sie auf dem Hinweg inspiziert haben. Das Mäuschen hat doch tatsächlich eine kleine Speisekammer angelegt und wir haben die angenagten Eicheln gefunden…

Oben auf dem Hügel versammeln wir uns zum Abschlusskreis, denn ohne unser letztes Lied wollen wir nicht nach Hause gehen. Dick eingemummelt in Regenjacken und -hosen und unsere wasserdichten Schuhe geht’s durch den Matsch dem letzten Abhang entgegen. Das ist auch der letzte Haltepunkt; unten stehen schon die Mamas und Papas, bereit, uns mit offenen Armen zu empfangen…

Über den Autor:

Gregor Sticker, 48, ist seit sechs Jahren Erzieher im Waldkindergarten Düsseldorf.

Nach einer Berufslaufbahn in der Industrie und nachfolgender Neuorientierung in den pädagogischen Bereich sammelte er Erfahrung in der Heimerziehung und im Vorschulbereich.

Im Jahre 2000 nahm er das Angebot einer Gruppen- und Einrichtungsleitung im Waldkindergarten Düsseldorf an.

Täglich teilt er mit den Kindern seine Erfahrungen und ist stolz auf “seine” aufgeweckten und mutigen Baumtänzer…