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Kidslife-Magazin · Leben mit Kindern

Welch ein Singen, Musiziern …

oder Warum wir alle mehr mit unseren Kindern singen sollten

von Julia Wohlgemuth

Haben Sie heute schon gesungen? Vielleicht ein Liedchen unter der Dusche geträllert? Dann haben Sie ganz nebenbei etwas für Ihre Gesundheit getan. Und für Ihr Gehirn. Und wahrscheinlich hat Sie das Singen sogar noch in eine gute Laune versetzt. Denn selbst Musik machen bereichert unser Leben in vielfältiger Weise. Das gilt für Erwachsene und natürlich erst recht für Kinder.

Singen fördert die kindliche Entwicklung auf vielen Ebenen, von Anfang an. Die Liste der positiven Aspekte des Singens und Musizierens liest sich wie die Werbebroschüre eines besonders ehrgeizigen Kinderkurses: Hirnforscher haben herausgefunden, dass das Singen Intelligenz, analytische Fähigkeiten und Konzentrationsvermögen ankurbelt. Singen macht also schlau, ohne als anstrengende Fördermaßnahme daherzukommen. Auch für den Spracherwerb ist das Singen für Kinder wichtig. Gerade die emotionale, non-verbale Ebene der Sprache wird Kindern durch Gesang spielerisch nahegebracht. Im Umkehrschluss wurde von Experten bemerkt, dass sich Kinder, die wenig oder gar nicht singen, mit Kommunikation schwerer tun. Selbst das Lernen von Fremdsprachen kann kleinen Sängern leichter fallen.

Damit nicht genug: Auch das Immunsystem wird nachweislich durch regelmäßiges Musizieren gestärkt und das Singen hat zudem einen guten Einfluss auf so wichtige Körperfunktionen wie Atmung oder Körperhaltung.

In einer Zeit, in der auch Kinder schon den Druck einer Leistungsgesellschaft spüren können, wirkt das Singen aktiv entspannend und fördert doch gleichzeitig das Entstehen guter schulischer Leistungen. Kinder, die in einem Chor oder einer anderen Gemeinschaft singen, erfahren außerdem ein Zusammengehörigkeitsgefühl und das Aufgehen in der Gruppe. Soziale Kompetenzen werden so gestärkt.

Kleinkinder wiederum empfinden die immer gleichen Lieder, die oft mit Refrain und Strophe auch noch einer festen Struktur unterliegen, oft als etwas Halt Gebendes und Beständiges in einer manchmal verwirrenden Welt.

Vielleicht der schönste Nebeneffekt des Singens ist jedoch der, dass es ganz einfach glücklich macht, schließlich werden dabei Endorphine (also Glückshormone) ausgeschüttet. Und nicht nur das: Manche Lieder sorgen für einen regelrechten Adrenalinrausch, während wieder andere den Melatoninspiegel erhöhen und damit dem Einschlafen förderlich sind. Weinende Babys, die mit Liedern und nicht nur durch liebevolles Sprechen beruhigt werden, sind nachweislich weniger gestresst. Auch für ältere Kinder werden (zumeist) positive Emotionen freigesetzt und gemeinsame Erinnerungen geschaffen, auf die Ihr Nachwuchs ein Leben lang zurückgreifen kann. „Singen hält Leib und Seele zusammen“ weiß schließlich schon der Volksmund und deutet damit die Bedeutung des Singens für die psychische Gesundheit an.

Bei so vielen Vorteilen und wenn man weiterhin bedenkt, dass das Singen preiswert und unkompliziert möglich ist (seine Stimme hat man schließlich immer dabei), verwundert es, dass so wenig selbst gesungen wird in Deutschland. Man schätzt, dass 80 Prozent der Erwachsenen selten oder nie singen. Begründet wird dies zum Teil historisch mit der Rolle, die das Singen im 3.Reich innehatte und welches schließlich zu der 68er-Parole führte „Singen macht dumm, viel Singen macht dümmer“. Aber auch beispielsweise die ständige Berieselung mit Musik aus Radio und anderen Tonträgern steht dem aktiven Musikmachen im Weg. In Untersuchungen wurde herausgefunden, dass Kinder und Jugendliche heute wesentlich weniger in der Lage sind, ihre Singstimme zu nutzen. So können Kids von heute unter anderem weniger hohe Töne singen.

Dabei kann jeder singen. Aber wie bei allen Fähigkeiten kommt es darauf an, dass man übt und praktiziert. Je früher man damit beginnt, umso besser. Bereits kleine Babys antworten mit einer Art Sing-Sang, wenn ihnen vorgesungen wird. Ab circa sechs Monaten beginnen sie, die Musik in Bewegung umzusetzen. Erst gegen Ende des ersten Lebensjahres beginnt langsam eine Differenzierung zwischen Singen und Sprechen. In diesem Alter versuchen Kinder, das Singen der Erwachsenen nachzuahmen und spielen mit den Tönen, bestimmte Tonhöhen treffen die Kleinen dabei jedoch noch nicht. Im zweiten Lebensjahr können Kinder kurze einzelne Phrasen eines Liedes singen, wobei dies oft in spontane Improvisationen übergeht. Dies setzt sich mit 3 und 4 Jahren fort. Kurze Liedstücke werden nachgesungen oder selbstvergessen vor sich hingesummt und manchmal mehrere Lieder zusammengesetzt und vermischt. Erst im Alter von 5 oder 6 Jahren beginnen Kinder „richtig“ zu singen, entwickeln also ein Gefühl für Tonarten und Tonalität. Übung macht hier den Meister. Mit etwa 8 Jahren hört die Entwicklung der Singfähigkeit auf und muss danach zur Weiterentwicklung trainiert werden. Kinder, denen das Singen bis dahin nichts Vertrautes ist, lernen das Musizieren dann als eine Art „fremde“ Fähigkeit kennen, ähnlich einer Fremdsprache, die im späteren Leben erlernt wird.

Aber auch wer erst später zum Singen findet oder schon seit Jahren nicht mehr gesungen hat, sollte dies nicht als Hinderungsgrund ansehen. „Singen kann ich nur durch Singen erlernen.“, so Kinderliedermacher Reinhard Horn (siehe dazu auch das Interview mit ihm im Extrakasten). Wenn Mama oder Papa für den Nachwuchs singen, macht es auch nichts, wenn sich ein paar falsche Töne einschleichen. Kinder haben trotzdem mehr davon als von einem perfekt  gesungenen Lied auf der CD. Schließlich lernen Kids das Musizieren durch Nachahmung und wenn die Eltern mit Freude und Begeisterung bei der Sache sind, dann ist es wahrscheinlicher, dass Kinder aufmerksamer zuhören und mitmachen wollen. Außerdem erleben junge Kinder Musik, Sprache und Bewegung als eine Einheit. Ein tanzender Papa, der das Lied vom „Bi-Ba-Butzemann“ vielleicht ein bisschen schief, aber dafür mit vollem körperlichen Einsatz vorsingt, ist sicherlich einprägsamer als ein ganzer Kinderchor auf dem Tonträger. In diesem Zusammenhang sei auch erwähnt, dass gerade für Jungs männliche Singvorbilder sehr wichtig sind, da sonst ab einem gewissen Alter das Singen als „uncool“ und „unmännlich“ abgetan wird.

Um die positiven Effekte des Singens zu nutzen, kommt es natürlich nicht darauf an, was man singt. Bei Abba oder der Titelmelodie von „Bob der Baumeister“ kann man genau so gut mitsingen und Spaß haben, wie beim Singen von traditionelleren Liedern. Deutsche Volks- und Kinderlieder gehören jedoch zu unserem kulturellen Erbe und bieten einen Schatz und Reichtum an Liedern für alle Stimmungen und Gelegenheiten und etwas Verbindendes über Generationen. Wer selbst schon mit „Der Mond ist aufgegangen“ aufgewachsen ist, möchte dies wahrscheinlich auch gern an seine Kinder und eines Tages möglicherweise sogar Enkelkinder weitergeben.

Die liebevoll gestaltete Website  www.liederprojekt.org  ist eine Fundgrube der beliebtesten, aber auch weniger bekannten Volks- und Kinderlieder und lädt mit Audiodateien (entweder von professionellen Sängern vorgesungen oder nur als Instrumentalstücke zum Mitsingen), Noten und Texten zum Stöbern und Wieder- oder Neu-Entdecken ein. Oder wissen Sie auf Anhieb noch alle Strophen von „Alle Vögel sind schon da“?

Versuchen Sie es doch einfach mal mit dem Singen, falls Sie es bis jetzt noch nicht tun. Unter der Dusche und mit Ihren Kindern. Es lohnt sich – für Sie und für Ihre Kinder.

Hier ein paar Anregungen, wie Sie Ihren Alltag musikalischer machen können:

–        Finden Sie einen regelmäßigen Platz für das Singen in Ihrem Tag. Das Singen eines Schlafliedes zum Beispiel und damit verbunden eine ruhige und friedliche Beendigung des Tages, kann eines der schönsten abendlichen Rituale mit kleineren Kindern sein.

–        Hören Sie zusammen mit Ihrem Kind auf Musik in Ihrer Umgebung. Das Rauschen der Bäume, das Rattern des Zuges, das Blubbern des Wasserkochers, all das ist Musik und lädt zum Nachahmen ein. Wer kann selbst Musik machen, indem zum Beispiel auf Schüsseln getrommelt wird oder Topfdeckel aneinandergeschlagen werden?

–        Mit etwas älteren Kindern kann es Spaß machen, Liedtexte neu zu erfinden. Wer sagt denn, dass die Entchen immer auf dem See schwimmen müssen? Auch (englische) Pop- und Rocklieder eignen sich gut dazu, eigene Textversionen neu zu dichten.

–        Kleineren Kindern machen Lieder mit Aktionen Freude. Auf die Melodie von „Jetzt geht Hampelmann“ können Alltagssituationen mit Musik und Bewegungen begleitet werden („Jetzt isst –Name des Kindes – sein Frühstück“ etc.). Aber auch viele andere Kinderlieder laden zum Mitmachen ein. Für Ideen wird man im Internet unter dem Stichwort „Kinderlieder“ zum Beispiel auf YouTube schnell fündig.

–        Allein singen ist schön, in Gemeinschaft singen, macht noch mehr Spaß. Suchen Sie sich eine Krabbelgruppe, in der gesungen wird (oder initiieren Sie das Singen in Ihrer Krabbelgruppe selbst), oder einen anderen Musikkurs. Wer zu einem regelmäßigen Kurs keine Zeit hat: Wie wäre es, mal zu einem Singnachmittag einzuladen, zu dem jeder sein Lieblingslied mitbringt. Ältere Kinder hätten vielleicht Lust auf Karaoke.