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Kidslife-Magazin · Leben mit Kindern

Wenn Kinder Eigenbrötler sind

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Mein Kind spielt nicht mit anderen Kindern

Sie haben Grips, interessieren sich für ausgefallene Wissensgebiete oder sind einfach nur schüchtern. Eigenbrötler spielen am liebsten für sich allein. Aber ist ein Leben ohne Freunde und Kontakte gut für die kindliche Entwicklung?

„Mit wem spielt mein Kind, wer sind seine Freunde?“ –Fragen, die sich alle Eltern stellte. Doch die Mutter von Marlon (7) bringt diesen Satz schon seit einiger Zeit nicht mehr locker über die Lippen. Denn sie kennt die Antwort der Klassenlehrerin und der Erzieherin aus der Ganztagsschule: „Der Marlon? Ja, der war in der Pause draußen auf dem Balancier-Balken und in der Freiarbeit alleine in der Leseecke.“ – „Nach dem Mittagessen hat er sich zum Puzzlen zurückgezogen.“ – „Heute war er nicht mehr vom Basteltisch wegzulocken. Er wollte unbedingt eine Rakete aus Klopapierrollen bauen.“ Marlon alleine draußen. Marlon alleine in der Leseecke. Marlon alleine beim Puzzlen und Basteln – und häufig auch allein zu Hause.

Kein Außenseiter, aber ein Einzelgänger (Eigenbrötler)

Ist mein Kind ein Außenseiter? Ist es zu schüchtern, um Kontakt zu Gleichaltrigen zu finden? Machen wir irgendetwas in der Erziehung falsch? Solche Fragen stellen sich viele Eltern, deren Kinder dazu neigen, sich von anderen abzusondern, und lieber alleine spielen? „Kein Grund zur Sorge“, meint der Hamburger Psychologe Michael Thiel. „Es gibt eben Kinder mit verschiedenen Kontaktbedürfnissen. Das zeigt sich meist schon im Babyalter“. Manche Kinder sind von klein auf lieber nur mit wenigen Menschen zusammen. Oft sind es die Einzelkinder, die eher zu Einzelgängern werden als Kinder mit Geschwistern“, so der Erziehungswissenschaftler Peter Struck. Einzelkinder tendieren dazu, sich auf die Eltern zu fixieren. „Eltern können das ausgleichen, indem sie den Kontakt ihrer Kinder zu Gleichaltrigen schon im Sandkastenalter fördern“, erklärt Struck. Zum Beispiel, indem sie diese früh in eine Krabbelgruppe geben.

Eigenbrötler

Stille Wasser sind tief

Woran können Eltern erkennen, ob ihr Kind ein Außenseiter ist oder ein Eigenbrötler? Ganz einfach: an seiner Stimmung. Außenseiterkinder sind in aller Regel nicht besonders glücklich. Sie wehren sich gegen Gruppensituationen, werden aggressiv oder weinen, wenn sie in die Schule sollen, zum Sportverein oder einfach nur auf einen belebten Spielplatz. Mit sich allein können sie aber auch wenig anfangen. Einzelgänger dagegen fühlen sich offensichtlich wohl in ihrer Haut. Sie gehen gern dorthin, wo viele andere Kinder sind. Sie mögen den Trubel der Gruppe um sich herum, bleiben dort aber vorwiegend für sich. Dafür werden sie nicht abgelehnt, sondern sogar respektiert. Denn Einzelgänger wirken interessant. Oder, wie man früher sagte: Stille Wasser sind tief. Weil die anderen Kinder – meist zu Recht – vermuten, dass der Einzelgänger viel zu bieten hat, lassen sie ihn nicht links liegen, sondern fordern ihn zum Mitspielen auf. Allerdings müssen sie sich oft seinen Regeln beugen. Andernfalls verliert der Einzelgänger recht schnell das Interesse am Gemeinschaftsspiel. Schließlich braucht er die anderen Kinder nicht, um intensiv zu spielen.

Während gesellige Kinder möglichst viele Gleichgesinnte brauchen, kann der Einzelgänger ohne äußeren Anstoß im Spiel aufgehen. Rollenspiele, Dialoge, wilde Szenarios – das alles legt er mühelos alleine hin. Da wundert es nicht, dass Wissenschaftler unter kleinen Einzelgängern besonders viele überdurchschnittlich begabte, kluge Kinder entdecken. „Wir vermuten sogar, dass gerade die sehr intelligenten Kinder zur Eigenbrötelei neigen, weil sie mit ihren Altersgenossen nichts anfangen können“, sagt Michael Schnabel, Mitarbeiter am Staatsinstitut für Frühpädagogik. Eine Studie an Einzelgänger-Schulkindern zeigte, dass diese, wenn sie die Wahl haben, am liebsten mit älteren Kindern spielen und am zweitliebsten mit sich selbst. An dritter Stelle in ihrer Gunst rangieren jüngere Kinder – denen sie etwas beibringen können –, während die Gleichaltrigen das Schlusslicht bilden.

Die meisten Einzelgängerkinder (Eigenbrötler) haben besonders ausgeprägte Interessen. Sei sind mitunter sehr begabt, aber oft nur auf einem Gebiet. Wenn ein solches Kind mit anderen spielt, die sein Interesse nicht teilen, langweilt es sich. Trotzdem findet es oft einen Gleichgesinnten oder Bewunderer, dem das Wissen imponiert. Manchmal sitzen dann die beiden Eigenbrötler stundenlang im Kinderzimmer zusammen – ohne aber miteinander zu spielen. Der eine liest, der andere auch. Man hört gemeinsam Musik oder ein Hörbuch. Man redet nicht viel, aber fühlt sich trotzdem in der Gegenwart des anderen wohl. Übrigens: So einen stillen Freund können kleine Eigenbrötler auch in einem Haustier – einer Katze oder einem Hund – finden. Mit ihm muss man keine lästigen Verabredungen treffen, der vierbeinige Freund ist ja immer da.

Mein Kind spielt immer nur allein – Tipps für Eltern

Eigenbrötler

Spielen Sie nicht den Entertainer

Kinder dürfen und sollen sich ruhig mal langweilen, denn dabei lernen sie, sich allein zu beschäftigen. Wenn Papa und Mama versuchen, die Spielkameraden zu ersetzen, verlernen Kinder, eigene Ideen zu entwickeln.

Suchen Sie nicht mit Gewalt nach Freunden

Überreden Sie auch keine anderen Kinder dazu, zum Spielen zu Ihnen nach Hause zu kommen. Zwingen Sie Ihr Kind auch nicht zu Kontakten, indem Sie es auffordern: “Jetzt geh’ doch mal beim Nachbarskind klingeln!“. Das verunsichert es nur und es zieht sich noch mehr zurück.

Zeigen Sie selbst Kontaktfreude

Laden Sie die Eltern eines Klassenkameraden mitsamt dem Nachwuchs ein. So findet ihr Kind leichter Kontakt als in der großen Gruppe.

Wählen Sie keine Freunde aus

Eltern sollten die Freunde akzeptieren, die das Kind sich selbst aussucht. Treffen Sie keine Vorauswahl nach dem Motto: „Der hat nette Eltern und gute Manieren, mit dem darfst Du spielen.“

Akzeptieren Sie Eigenarten

Stärken Sie Ihr Kind, machen Sie ihm Mut. Wenn es zu Hause Rückhalt bekommt, ist es auch selbstbewusster und mutiger im Umgang mit Gleichaltrigen.

Schaffen Sie ein Netzwerk

Eine Anmeldung in einer Musikgruppe oder im Sportverein kann dabei helfen. Aber das Kind muss selbst Lust darauf haben und von sich aus Durchhaltevermögen zeigen – also freiwillig dorthin gehen wollen.

Verplanen Sie aber nicht die Freizeit

Ein Kind muss im Sport keinen übertriebenen Ehrgeiz zeigen und auch kein kleiner Mozart sein. Kinder brauchen auch Freizeit zum Spielen, zum Herumhängen und mit sich allein sein.

Holen Sie sich Hilfe

Wenn Ihr Kind sich nie mit Gleichaltrigen verabredet, keine Lust hat, mit anderen zu spielen, mit der Erzieherin oder Lehrerin sprechen. Sie kennt Ihr Kind gut und kann Ihnen Ratschläge geben.