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Kidslife-Magazin · Leben mit Kindern

Bewegt Euch!

So stärken Eltern ihren Kindern den Rücken

Immer mehr Kinder leiden unter der Volkskrankheit Rückenprobleme. Dabei ist Vorbeugung so einfach: Eltern müssen nur den natürlichen Bewegungsdrang ihrer Kinder fördern – und ergonomische Arbeitsbedingungen schaffen.

Von wegen aufrechter Gang: Bei vielen Kindern und Jugendlichen ist davon nicht viel zu sehen: Sie schlurfen mehr als sie gehen, die Schultern hängen herunter und anstatt sich gerade zu halten, beugen sie den Rücken wie unter einer schweren Last. Kinderärzte und Orthopäden schlagen Alarm, denn mittlerweile zeigt fast jedes zweite Grundschulkind Haltungsschäden, jedes dritte klagt zumindest gelegentlich über Rückenschmerzen und nahezu jedes fünfte ist übergewichtig.

„Die Kraft und die Koordinationsfähigkeit von Kindergarten- und Schulkindern haben sich in den vergangenen 20 Jahren dramatisch verschlechtert“, beklagen Experten wie Georg Stingel. „Manches Kindergartenkind ist noch nicht einmal in der Lage, einen Purzelbaum zu schlagen. Schuld daran sind  Bewegungsmangel und viel zu langes Sitzen“, so der Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Gesunder Rücken e. V. „Kinder verbringen heute durchschnittlich neun Stunden täglich im Sitzen – in der Schule, aber auch vor dem Fernseher oder am Computer.

Bewegung ist die beste Medizin

Während die Kinder ihr Wissen spätestens ab der Einschulung stetig vergrößern, kommt die Bewegung immer mehr zu kurz. Die Folge: Die Kinder setzen Pfunde an und ihre Muskulatur entwickelt sich nicht so, wie es nötig wäre. Bauch- und Rückenmuskeln sind bei vielen Kindern zu schwach, die Hüft- und Oberschenkelmuskeln nicht dehnbar genug, um Becken und Wirbelsäule richtig zu stützen und aufzurichten. So kommt es mit der Zeit zu Haltungsschwächen wie Rund- oder Hohlrücken. Bleiben solche Probleme unbehandelt, rächt sich dies im Erwachsenenalter bitter: mit chronischen Rückenproblemen, geringerer Konzentrationsfähigkeit und erhöhter Stressanfälligkeit.

Beobachten Eltern Fehlhaltungen bei ihrem Kind oder klagt es bereits über Rückenschmerzen, hilft nur noch eines: Ab zum Arzt und Nachsitzen in der Rückenschule. Doch soweit muss es gar nicht erst kommen. Denn Kinder haben zum Glück einen natürlichen Bewegungsdrang. Wenn man sie lässt: „Noch vor 30 Jahren waren Bewegung, Herumtollen im Freien oder das Austesten der körperlichen Fähigkeiten für Kinder eine Selbstverständlichkeit. Heute beeinträchtigt die Erwachsenenwelt diese natürliche Entwicklung“, meint Stingel. An die Eltern appelliert er: „Fördern Sie die Beweglichkeit und die Motorik ihres Kindes vom Krabbelalter an. Das ist nicht nur für den Aufbau der Muskulatur immens wichtig, sondern auch für die Entwicklung des Knochenbaus. Vermitteln Sie ihnen Freude an Bewegungsspielen und Sport und geben Sie ihnen, Raum und die Möglichkeit sich auszutoben. Und lassen Sie sie so viel wie möglich selbst ausprobieren. Denn so lernen sie sich sicher zu bewegen.“

Zwei Stunden Bewegung täglich sind ideal, um Kindern den Rücken zu stärken. Ein aktiver Schulweg zu Fuß oder mit dem Fahrrad gehört ebenso dazu wie Spiele, bei denen das Kind seine Muskeln vielfältig beansprucht – also Ziehen, Klettern, Stützen, Klettern, Hangeln, Rollen, Schaukeln oder Schwimmen. Am besten machen die Eltern selbst – auch ihrem eigenen Rücken zuliebe. Die Bewegung tut nicht nur dem Rücken gut, sondern auch dem Kopf. Denn sie aktiviert auch die Zentren im Gehirn, die dafür sorgen, dass wir uns Informationen gut merken können.

Ergonomie: Kippeln ist erlaubt

Nicht nur den kindlichen Bewegungsdrang sollten Eltern von Anfang an fördern. Weil die Wirbelsäule gerade in der Wachstumsphase äußerst empfindlich auf Fehlbelastungen reagiert, sollten sie auch ein Augenmerk auf den Schulranzen und den Schreibtisch des Kindes legen.

Nach Informationen der Techniker Krankenkasse tragen Grundschüler durchschnittlich rund fünfeinhalb Kilo Gepäck in ihrem Ranzen zur Schule, Hauptschüler rund acht Kilogramm und Gymnasiasten fast zwölf – das ist viel zu viel. Die Faustregel lautet: Der gepackte Ranzen sollte nicht mehr als maximal zwölf Prozent vom Gewicht des Kindes auf die Waage bringen. Leer wiegt ein rückenfreundlicher Ranzen nicht mehr als eineinhalb Kilogramm. Rücken und Träger sind gepolstert; letztere mindestens vier Zentimeter breit. Der Ranzen sollte nicht breiter sein als die Schultern des Kindes und sich dem Rücken anpassen.

Ebenso wichtig ist ein rückenfreundlicher Arbeitsplatz, der ein aktiv-dynamisches Sitzen ermöglicht und mit dem Kind mitwächst. Tisch und Stuhl sollten eine Einheit bilden und optimal aufeinander abgestimmt werden können. Die Sitzfläche des Stuhls sollte unterschiedliche Sitzpositionen zulassen und sich den Bewegungen des Kindes fließend anpassen. Der Stuhl ist optimal eingestellt, wenn die Knie im Stehen die Stuhlvorderkante berührt und im Sitzen beide Füße mit der ganzen Sohle auf den Boden kommen. Der Tisch sollte leicht höhenverstellbar sein. Für eine ergonomische Kopfhaltung sollte die um mindestens 16 Grad geneigt. Die Tischhöhe ist optimal, wenn sich die Ellenbogenspitzen bei aufrechter Sitzhaltung Armen zwei bis drei Zentimeter unterhalb der Tischkante befinden.

· Kleiner Trick für einen geraden Rücken: Sich vorstellen, man wäre am höchsten Punkt des Kopfes mit einem unsichtbaren Band im Himmel verankert.

Keine Chance den Rückenproblemen!

„Ich hab Rücken“ – so weit soll es erst gar nicht kommen. Georg Stingel, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Gesunder Rücken e. V., weiß, was bei den ersten Anzeichen zu tun ist.

Wie können Eltern erkennen, ob ihr Kind Rückenprobleme hat – bevor es über Schmerzen klagt?
Eltern sollten Ihr Kind genau beobachten: Hat es Übergewicht? Ist es ein Bewegungsmuffel? Sitzt es oft mit krummem Rücken da? Lässt seine Motorik zu wünschen übrig? Solche Symptome deuten auf Rückenprobleme hin. Übrigens können diese durch psychische Belastungen wie überzogene Erwartungen an die Leistungsfähigkeit des Kindes verstärkt werden.

Was können Eltern tun, wenn ihr Kind bereits über Rückenprobleme klagt?
Bei Verdacht sollte ein Kinderarzt oder Orthopäde das Kind gründlich untersuchen. Gemeinsam mit dem Arzt können Eltern dann die erforderlichen Maßnahmen abstimmen – zum Beispiel Sport, Abbau von Übergewicht, Gymnastik, Physiotherapie oder Kinderrückenschule. Wichtig ist dabei, dass das Kind lernt, dass Bewegung Spaß macht.

Sollten Eltern regelmäßig mit Ihrem Kind zum Rücken-Check? Je früher Haltungsprobleme erkannt werden, umso besser lässt sich dauerhaften Rückenproblemen vorbeugen. Deshalb ist Vorsorge unbedingt zu empfehlen. Sinnvoll sind solche Vorsorgeuntersuchungen ab sechs und Jahren. Erst dann erreicht die Wirbelsäule ihre endgültige S-Form.

10 Bewegungsübungen für jedes Alter

Unser Alltag macht Kinder unbeweglich. Umso wichtiger ist es, dass Eltern die Lust an der Bewegung fördern – und das so früh wie möglich. Wir haben zehn Übungen für Kinder jeden Alters zusammengetragen, die sich prima in den Alltag einbauen lassen.

Für Kindergartenkinder

Übung 1: Kleines Hündchen

Ihr Kind steht im Vierfüßlerstand – achten Sie darauf, dass es den Rücken gerade hält – und bewegt den Kopf in Richtung Becken. Dabei dreht es sich um die eigene Achse – wie ein kleiner Hund, der versucht seinen Schwanz zu erhaschen. Öfter wiederholen, dabei die Richtung wechseln.
> Verbessert die Elastizität der Wirbelsäule

Übung 2: Flohhüpfer

Das Kind geht in die Hocke und setzt beide Hände vor sich auf dem Boden auf. Beim Hüpfer nach vorne stützt es sich mit den Händen ab und zieht die Füße nach.

> Kräftigt den gesamten Rücken.

Übung 3 Katzenbuckel

Im Vierfüßerstand macht Ihr den Rücken so rund wie möglich – wie einen Katzenbuckel – und zieht dabei das Kinn in Richtung Brust. Zum Ausgleich lässt es den Rücken durchhängen lassen und legt den Kopf sanft in den Nacken.

> Mobilisiert die Wirbelsäule

Übung 4: Hula-Hula
Im Stehen kreist ihr Kind nicht zu schnell mit dem Becken. Die Schultern hält es dabei ganz ruhig. Nach 10 Mal kreisen die Richtung wechseln.

> Stärkt die Bauch- und Rückenmuskulatur und aktiviert die untere Wirbelsäule.

Übung 5: Käfer auf dem Rücken

Auf dem Rücken liegend, zieht Ihr Kind die Beine an und umfasst sie mit den Händen. Dabei dreht es sich im Uhrzeigersinn langsam um sich selbst.

> Mobilisiert die Wirbelsäule und stärkt die Bauchmuskeln

Für Grundschulkinder

Übung 6: Pyramide

Ihr Kind steht auf einem Bein; die Fußsohle des anderen Beins setzt es knapp unterhalb des Knies gegen die Beininnenseite. Gleichzeitig formt es mit den Händen über dem Kopf ein Dreieck und versucht möglichst lange die Balance zu halten. Dann wechseln.
> Koordinations- und Gleichgewichtstraining

Übung 7: Prinzessin auf der Erbse

Ihr Kind legt sich bäuchlings auf ein größeres festes Kissen, macht sich ganz lang und streckt die  Arme und Beine seitlich weg, ohne den Boden zu berühren.

> Kräftigt die gesamte Rückenmuskulatur

Übung 8: Schräge Rampe

In Rückenlage beugt Ihr Kind die Knie und Fersen setzt die Fersen kurz hinter dem Po auf dem Boden setzen. Es hebt die Hüfte an und streckt sie so weit wie möglich zur Decke – Oberkörper und Oberschenkel sollten dabei eine Linie bilden. Mit dem Blick zu zur Decke diese Position fünf Sekunden halten.

> Kräftigt die Rücken- und Beinmuskulatur

Übung 9: Ausziehtisch

Ihr Kind stellt sich vor einen Tisch und tritt einen großen Schritt zurück. Die Beine stellt es etwa hüftbreit aufs. Aus dem Stand beugt es den Oberkörper nach vorne und legt die Handflächen auf den Tisch. Arme und Oberkörper sollten dabei möglichst eine Linie bilden, dafür muss der Abstand zum Tisch notfalls korrigiert werden. Dann drückt ihr Kind die Brust so weit wie möglich nach unten. Zehn Sekunden halten.

> Kräftigt die Rückenmuskulatur

Übung 10:  Let’s Fetz

Zu fetziger Musik hüpft und joggt Ihr Kind auf der Stelle, springt und tanzt. Es rudert mit den Armen, dreht und windet sich und schüttelt Frust und Ärger ab. Albern sein ist erwünscht!

> Lockert und kräftigt die gesamte Muskulatur, aktiviert und macht Laune

Tipps

  • Kinder lieben es, sich zu bewegen. Fördern Sie diesen Bewegungsdrang. Schaffen Sie Ihnen Raum zum Toben – auch im Haus. Ermuntern Sie sie dazu, sich auszuprobieren.
  • Schon mit kleinen Kindern können Sie erste Bewegungsspiele machen: Einen Purzelbaum schlagen, eine Kerze machen oder „Wer kommt in meine Arme?“ – die Kleinen lieben es!
  • Für einen gesunden Rücken braucht man gesunde Füße: Lassen Sie Ihre Kinder deshalb so oft wie möglich barfuß laufen.
  • Sich gesund bewegen, heißt auch, sich sehr unterschiedlich zu bewegen: also laufen, turnen, springen, hüfen, strecken, klettern, rollen, dehnen …

·      Lieber mehrmals zwischendurch kleine Übungen und Bewegungen machen, als nur ein Mal pro Woche trainieren.

·      Wer viel sitzt, sollte immer wieder seine Haltung ändern: Auf einen Sessel zum Beispiel kann man sich auch im Schneidersitz setzen oder draufknien. Auf einem Stuhl kann man auch einmal verkehrt herum sitzen. Oder einfach mal auf dem Boden sitzen. Nach langem oder Sitzen sollte man sich ausgiebig strecken – zur Seite und nach hinten. Das bringt die Wirbel wieder in die richtige Position.

Alle Übungen und Tipps eignen sich nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene – also seien Sie ein gutes Vorbild und machen Selbst aktiv mit!