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Kidslife-Magazin · Leben mit Kindern

Die Schule der Zukunft

Demokratisches Lernen und Blicke über den Zaun

Frontalunterricht, starre Notensysteme und frühe Selektion – dass unser Schulsystem viele Kinder statt zum Lernerfolg in die Sackgasse führt, wissen wir spätestens seit PISA. Doch welche Alternativen haben wir? Wie soll die Schule der Zukunft aussehen? Was hat sich bewährt – und was muss anders werden? KidsLife stellt visionäre Modelle und erprobte Beispiele vor.

Lernen ist ein elementares Bedürfnis eines jeden Menschen. Mit dem ersten Atemzug beginnen wir mit Interesse und Freude die Welt zu entdecken, eignen uns voller Energie Fertigkeiten und Kenntnisse an. Wir experimentieren, staunen und fragen den Erwachsenen Löcher in den Bauch. Diese lustvolle Lernerfahrung, diese Entdeckerfreude sollte die Schule der Zukunft es bewahren und fördern. Und nicht erst die Schule. Schon im Kindergarten können die kognitiven Leistungen angeregt und spielerisch weiterentwickelt werden, denn gerade im Vorschulalter lernen Kinder besonders intensiv. Ihr Forschungsdrang muss immer wieder neue altersgerechte Impulse erhalten und darf keinesfalls oberflächlich abgespeist werden. Schon jetzt sollten Kinder unter der Anleitung von geschulten Pädagogen die Möglichkeit haben, sich selbständig Wissen anzueignen und mit allen Sinnen zu lernen. Der Übergang zur Schule gestaltet sich dementsprechend fließend.

Neue Schulen für neue Zeiten

Die Globalisierung, die Fülle an Informationen, die durch die Entwicklung neuer Technologien verfügbar sind, stellen neue Anforderungen an das individuelle Lernen – und das gesamte Bildungswesen. Die industrielle Gesellschaft mutiert zur Wissensgesellschaft. Dies verlangt von den Kindern andere Fähigkeiten als bisher. Bildung spielt in einer Wissensgesellschaft fraglos eine Schlüsselrolle: Sie hilft bei der persönlichen Orientierung, sie ermöglicht es, an der Gestaltung des öffentlichen Lebens mitzuwirken und erleichtert den Zugang zum Arbeitsmarkt. Lebenslanges Lernens lautet die Devise für die Zukunft.
In der Schule kann daher nicht mehr allein die Vermittlung von Wissensinhalten im Vordergrund stehen. Vielmehr muss sie individuelle Lernstrategien vermitteln, die es den Kindern ermöglichen, sich in kurzer Zeit selbständig Wissen aneignen und sich auf dem Laufenden halten zu können. Und ganz wichtig: Kinder müssen lernen, Wichtiges vom Unwichtigen zu unterscheiden. Sonst gehen sie in der Informationsflut unter. Lernprozesse sind damit ebenso wichtig, wie das Lernen selbst.

Lernen ist nicht gleich unterrichtet werden

Marianne Gronemeyer, emeritierte Professorin der Erziehungswissenschaften, war selbst acht Jahre lang als Lehrerin tätig. Sie ist eine der profiliertesten Kritikerinnen des herkömmlichen deutschen Schulmodells. „Lernen und unterrichtet werden sind zwei ganz verschiedene Dinge“, erklärt die Pädagogin, „denn wer kann schon unter Zwang und Konkurrenzdruck lernen“. Für sie ist die Bewertung von Menschen auf einer Zahlenskala zwischen eins und sechs ein elementares Hemmnis für eine zukunftsfähige Schule. „Tausende von Talenten und Fähigkeiten fallen durch die Standardisierung von Bildung einfach unter den Tisch“.

Auch die Schüler selbst wünschen sich Reformen. K.R:Ä.T.Z.Ä.

KinderRÄchTsZÄnker),  eine engagierte Gruppe von etwa 20 jungen Leuten in Berlin, setzt sich für die Gleichberechtigung zwischen Kindern und Erwachsenen ein. Natürlich haben sie sich in diesem Zusammenhang auch ausführlich mit dem Thema Schule beschäftigt. Ex-Schüler und Gruppenmitglied Stefan (20), bezieht eine klare Position: „Die Schulen, die sich am besten mit unseren Vorstellungen decken, sind sogenannte ‚Demokratische Schulen’“. An solchen Schulen können die Schüler komplett entscheiden, was, wann und wie sie lernen. Es gibt keine Alterstrennung und Bewertung.

„Blick über den Zaun“ – visionärer Schulverbund und Netzwerk

Auch immer mehr Schulleiter und Lehrer sind um eine positive Vision von Schule bemüht: Im Schulverbund und Netzwerk „Blick über den Zaun“ haben sich bundesweit 54 sehr unterschiedliche Schulen in staatlicher wie in freier Trägerschaft zusammengeschlossen. Gefördert durch die Robert Bosch Stiftung, fand im November 2006 in der Evangelischen Akademie Hofgeismar eine Fachtagung von „Blick über den Zaun“ statt. Über 100 Schuleiter/innen und Lehrer/innen aus den 54 Mitgliedsschulen verabschiedeten einstimmig die „Erklärung von Hofgeismar“ unter dem Titel „Schule ist unsere Sache – ein Appell an die Öffentlichkeit“.

Blick über den Zaun fordert unter anderem:

Die Schule soll einladend und freundlich sein. Pädagogen, Schüler, Eltern, Kommunen und außerschulische Institutionen sollen zusammen arbeiten, damit Kinder und Jugendliche sich in der Schule den ganzen Tag über wohl fühlen können. Vollwertige Verpflegung, ein Gesundheits- und Beratungsdienst, ein flexibler Tagesrhythmus, gute Ausstattung der Schule mit vielfachen Lerngelegenheiten, genügend Platz zum Lernen, Spielen und Bewegen sollen selbstverständlich sein.

Kein Kind soll beschämt werden. Niemand soll sich als Versager fühlen. Darum soll das Sitzen bleiben abgeschafft werden. Der Unterricht soll darauf ausgerichtet sein, der Individualität der Kinder gerecht zu werden. Die Schule soll daher neue Formen der Leistungsbegleitung und -bewertung entwickeln, z. B.verpflichtende Beratungsgespräche und Lernvereinbarungen.

Die Schule soll selbstständig und eigenverantwortlich arbeiten können. Starre Jahrgangsklassen sollen durch flexible Lernformen und Lerngruppen ersetzt werden. Zwölf- und  Vierzehnjährige können zusammen Englisch lernen oder im Labor experimentieren. Die Unterteilung in Haupt- und Nebenfächer soll abgeschafft werden: Theater, Handwerk, Musik oder Religion soll gleichwertig mit Englisch oder Mathematik behandelt werden.

Aus eigener Kraft können Schulen solch tiefgreifende Änderungen nicht durchsetzen. Blick über den Zaun  appelliert daher an Menschen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Administration, den Medien und an die gesamten Öffentlichkeit, ihre Vision tatkräftig zu unerstützen: „Im Interesse unserer Kinder und Jugendlichen müssen wir zu einem tragfähigen Konsens kommen, der der Entwicklung unserer Schulen die Richtung weist und der von dem Bewusstsein getragen ist: Schule ist unsere Sache.“

Futurum – ein Modell für die Schule der Zukunft

Ein Modellprojekt in Sachen Schule der Zukunft, dass seit Jahren gut funktioniert gibt es in Schweden: „Futurum“ heißt die Schule in der Kleinstadt Bålsta, 40 Kilometer westlich von Stockholm. Sie ist nicht nur innerhalb Schwedens zum Vorbild geworden, sondern stößt auch international auf großes Interesse In den letzten fünf Jahren wurde die Schule von 6500 Gästen aus 20 Ländern besucht. Mit ihrer innovativen Pädagogik setzt die Futurum-Schule Maßstäbe für die europäische Schulentwicklung und ganz speziell für den Ausbau der Ganztagsschulen in Deutschland.

Fachunterricht und Noten wurden abgeschafft und die klassische Raum-Zeit-Struktur des Schulalltags aufgehoben. Im Mittelpunkt des Konzeptes steht der einzelne Schüler. Auf seine individuelle Entwicklung ist der Fokus gerichtet. Lernen wird in
Futurum als ein aktiver und sehr persönlicher Prozess begriffen. Daher erhält jeder Schüler seinen speziellen Lehrplan, der auf  Stärken und Schwächen des Einzelnen zugeschnitten ist. Woche für Woche werden die Lerninhalte festgelegt und im persönlichen Logbuch des Schülers festgehalten.

In den Kernfächern erhalten die Schüler und Schülerinnen in kleinen altershomogenen Gruppen Unterricht. Die flexible persönliche Arbeitseinteilung sowie die altersgemischte Projektarbeit, stehen jedoch im Vordergrund. Jeder Schüler bringt sich mit seinen Fähigkeiten in das Team ein. Ob das allein in der Stillarbeit geschieht oder im Team, bleibt jedem selbst überlassen. So ist es dann kein Problem, wenn ein Schüler in Deutsch beispielsweise auf dem Niveau der 7. Klasse ist, während seine mathematischen Kenntnisse schon denen der 9. Klasse entsprechen. Dies erlaubt den Kindern und Jugendlichen auch in einem gewissen zeitlichen Rahmen die freie Entscheidung, wann sie ihren Schultag beginnen und wann sie nach Hause gehen

Ziel ist es zum einen, dass die Schüler neben dem Erwerben von Wissen, ihre sozialen Fähigkeiten in der Zusammenarbeit mit Anderen üben. Die fächerübergreifende Arbeit an verschiedenen Themenschwerpunkten schult das vernetzte Denken und öffnet den ganzheitlichen Blick für Zusammenhänge. Die Lehrkräfte stehen als Tutoren jederzeit für Fragen zur Verfügung. Fünf bis acht Lehrer betreuen jeweils 80 Schüler.

Lernlandschaften statt Klassenzimmer

Da das Gefühl des Wohlbefindens das Lernen positiv beeinflusst, ist schon die Architektur in Futurum Programm. Die farbfrohe Ausgestaltung vermittelt ein positives Lebensgefühl und Vitalität. Die alten Klassenräume sind verschwunden, multifunktionale Lernlandschaften sind an deren Stelle getreten, lichtdurchflutete Räume, durch große Glasscheiben voneinander getrennt. Die gesamte Schule ist in sechs kleinere Einheiten unterteilt. Jeweils 160 Schüler zwischen sechs und 16 Jahren, in zwei altersgemischten Gruppen unterteilt, sind in sechs verschiedenenfarbigen Pavillons untergebracht. Jedem Arbeitsteam stehen ein großer Gruppenraum und mehrere kleine Arbeitsräume zur Verfügung. Der Arbeitsplatz ist für jeden frei wählbar, Computerplätze und Labors sind ebenso vorhanden wie gemütliche Leseecken.

Innovative und zukunftsweisende Schulen gibt es auch in Deutschland.  Es sind zur Zeit noch zarte und kleine Pflänzchen, die eher im Verborgenen und vereinzelt gedeihen. In den nächsten Ausgaben von KIDSLIFE werden wir Ihnen einige dieser außergewöhnlichen Projekte vorstellen.
Rosemarie Löser

Infos zum Thema:
www.blickueberdenzaun.de
www.freie-lernorte.de

siehe auch: http://www.kidslife-magazin.de/besondere-kinder-in-normalen-schulen