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Kidslife-Magazin · Leben mit Kindern

Lerncamps

Lerncamps versprechen Lernen mit Spaß. Was ist dran?

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Pauken, wenn andere Urlaub machen – immer mehr Kinder und Jugendliche verbringen einen Teil ihrer Ferien in Lerncamps, um Versäumtes nachzuholen und ihre Zensuren zu verbessern. Was bringt das?

„Cesare invito – was soll das denn heißen? Cäsar war eingeladen? Oder heißt invitus Wille? Was ist das überhaupt für eine Form?“ Daniela rauft ihre Haare und versteht langsam gar nichts mehr. Vor allem nicht den Ablativus absolutus. Sehnsüchtig sieht sie aus dem Fenster. Mit den Freundinnen im Eiscafé abhängen – das wär’s jetzt. Doch statt Abhängen ist Ablativ angesagt. Denn wegen ihrer Probleme mit Latein, haben ihre Eltern sie in den Ferien für zwei Wochen ins Lerncamp geschickt. „Bock hatte ich darauf nicht“, sagt die 14-jährige Gmynasiastin. „Aber wenn ich nichts mache, gibt’s noch mehr Stress.“

Binomische Formeln statt Badesee, Sprachtraining statt Strandurlaub – immer mehr Schüler büffeln auch in den Ferien. Nicht immer ganz freiwillig, aber auch nicht ohne Spaß an der Sache, wie die Anbieter so genannter Ferienlerncamps – meist private Unterrichts- und Nachhilfeinstitute, aber auch kommunale Träger – versichern. Das Ganze läuft ab wie eine Mischung aus Schullandheim und Ferienlager: Vormittags wird in kleinen Gruppen gelernt, nachmittags wartet ein umfangreiches Freizeitprogramm mit sportlichen und kreativen Angeboten.

Anders als unterrichtsbegleitende Nachhilfe, bieten Lerncamps die

Möglichkeit, ein ganzes Schuljahr zu reflektieren und gezielt Lernstoff zu vertiefen oder Lücken zu schließen. Viele Anbieter, etwa das LernTeam oder der Studienkreis, vermitteln auch Lernmethoden und setzen langfristig auf Hilfe zur Selbsthilfe.

Büffeln für die besten Chancen im Wettbewerb

Mindestens so wichtig wie der Unterricht ist, aus Sicht der Schüler, das Freizeitprogramm: „Auf den Unterricht hatte ich erst gar keine Lust“, meint Daniela. Aber auf das Nachmittagsprogramm habe ich mich immer total gefreut. Denn das war richtig klasse: zum Badesee fahren, klettern, reiten – und viele supercoole Leute dabei.“ Ihre Eltern sehen das naturgemäß etwas anders: „Danielas Lateinnoten haben sich im letzten Schuljahr drastisch verschlechtert. Mit dem Lerncamp, wollen wir erreichen, dass sie künftig wieder besser mitkommt. Denn nur mit guten Zensuren hat sie eine Chance“, bekräftigt ihr Vater.

Droht mein Kind den Anschluss zu verlieren? Ist es den Anforderungen gewachsen? Kommt es mit dem Lerntempo klar? Schafft es den Übertritt aufs Gymnasium? Müssen die Noten nicht noch besser werden, damit es für einen guten Ausbildungsplatz reicht? Der zunehmende Wettbewerbsdruck bereitet vielen Eltern Sorgen – und beschert den Anbietern von Lerncamps wachsenden Zulauf. Auch von Kindern, die eigentlich gar keine schlechten Schüler sind. Wie zum Beispiel die 15-jährige Realschülerin Chiara: „Chiara ist jetzt in der 9. Klasse. Das bedeutet Stress. Denn im nächsten Jahr steht die Suche nach einer Lehrstelle an. Im Lerncamp soll sie ihre Zensuren noch etwas verbessern, damit sie nächstes Jahr ihren Traum-Ausbildungsplatz findet“, sagt ihre Mutter Jennifer. Danielas Eltern machen sogar richtig Druck. Ihre Mutter Sybille gibt zu: „Wir haben ihr deutlich gesagt, dass wir bessere Leistungen von ihr erwarten – schließlich kostet uns das Lerncamp eine Menge Geld.“

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Muss Lernen immer Leiden heißen?

Eine Zusatzration Bildung, die die Zukunftschancen verbessert oder Entzug der wohlverdienten Ruhepause in den Ferien? Experten wie Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), sehen den Trend zu Lerncamps eher kritisch: „Schulferien sind zum Abschalten gedacht. Kinder müssen unbeschwert Kinder sein dürfen, Zeit für sich bekommen, um die Welt nach ihrem Fahrplan zu erkunden. Lernzwänge, die Freizeit beschneiden, können sehr schnell das Gegenteil bewirken. Eigentlich müsste unser Schulsystem gewährleisten, dass alle Kinder nach ihren Begabungen und Neigungen individuell gefördert und gefordert werden können, damit weder Nachhilfe oder Lerncamps nötig würden.“

„Man sollte Lernen nicht automatisch mit Leiden gleichsetzen“, wendet die Pädagogin Michaela Hart ein. „Denn der Abstand zum Schulalltag verändert die Lernatmosphäre. In Lerncamps sind die Kinder relaxter, können sich besser konzentrieren und gehen motivierter an die Sache heran. Sie helfen sich gegenseitig stacheln sich auch mal an – und erleben, dass Lernen auch anders funktionieren kann.“ Diese Erfahrung hat auch Daniela gemacht: „Meine Eltern haben so viel Druck gemacht, dass ich eigentlich überhaupt keinen Bock hatte. Aber die Lehrer im Lerncamp haben mir ganz andere Möglichkeiten gezeigt, wie ich den Stoff verstehen und lernen kann. Wir haben echt gearbeitet, aber dabei auch viel gelacht. Jetzt klappt es auch mit dem Abl. Abs. – und sogar meine Eltern sind zufrieden. “

Motivation heißt das Zauberwort

„Viele Kinder, die in der Schule häufig Frust erfahren, merken auf einmal, dass sie sehr wohl etwas können. Das fördert den Spaß am Lernen“ erklärt LernTeam-Gründerin Christiane Konnertz. Für uns ist das ein ganz wichtiges Lernziel: die Kinder zu motivieren, sich auch bei Dingen anzustrengen, die sie nicht so gut können.“ Dennoch warnt die Lern-Trainerin vor überzogenen Erwartungen. „Eine Erfolgsgarantie können und wollen wir nicht geben. Wie erfolgreich ein Lerncamp ist, hängt stark davon ab, ob ein Kind gerne kommt. Überzogene Erwartungen und massiver Druck seitens der Eltern sind kontraproduktiv. In den Ferien sollte der Spaß beim Lernen im Vordergrund stehen.“ Ganz wichtig sei auch, wie es nach dem Lerncamp weitergeht: Motivieren Eltern ihr Kind oder setzen sie es unter Druck? Loben sie es auch für kleine Fortschritte? „Das ist für den langfristigen Erfolg ganz wichtig.“