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Kidslife-Magazin · Leben mit Kindern

Wir gehen essen

Als wir uns dem Ziel unserer Wünsche, der beliebten Pizzeria „Da Luigi“, bis auf wenige Meter genähert hatten, verließ mich plötzlich der Mut. Die Vorfreude auf ein gemeinsames Essen mit Frau und Kindern wurde von Erinnerungen an ähnliche Unternehmungen wie ein Papierschiffchen hinweggespült. An dessen Stelle dümpelte jetzt ein fetter Kahn böser Ahnungen im brackigen Wasser der Erfahrung. Nicht die Restaurant-Erlebnisse mit der Anvermählten lagen schwer auf meiner Unternehmungslust. Nein, die nicht.

An der linken Hand führte ich den dreijährigen Jan. Seine kleine, weiche und flinke Kinderhand hatte es bisher jedesmal verstanden, die  nach langer Überlegung immer gleiche Getränkewahl Cola über Tischtuch und Boden zu verteilen. Das macht er bevorzugt kurz nach dem Servieren, wenn noch eine hinreichende Menge Cola im Glas ist.

Sein Bruder, der sechsjährige Timo, den ich an der anderen Hand zum Aufführungsort variantenreicher Elternblamage führte, war ein Spezialist für lautstark vorgetragene Peinlichkeiten aus dem Elternleben und ein Schnorrer vor dem Herrn. Ließ man ihn nur einen Wimpernschlag lang aus den Augen, stand er an einem fremden Tisch und begutachtete aus allernächster Nähe solange das Essen, bis man ihn teilhaben ließ. Wir taten dann immer so, als kennten wir das Kind nicht und hofften, dass er nicht an unseren Tisch zurückfinden würde.

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Zeichnung Stephan Rürup

Nun standen wir also wieder einmal vor der Tür des noch ahnungslosen Luigi und ich vermisste die Inschrift „Wer hier mit Timo und Jan eintritt, lasse jede Hoffnung fahren!“ Mein Frau stellte sich heiter: „Hach, hab´ ich einen Hunger! Ob sie heute Steinpilze haben?“ Ich überging meinen Part der Konversation und hastete hinter dem Kleineren ins Lokal, der bereits seine Platzwahl getroffen hatte. Er brüllte wie ein Kommandeur, der Schlachtenlärm übertönen muß: „Hier will ich sitzen, Papa!“ und noch einmal ­­– ein Kanonenschlag wäre akustisch untergegangen: „Hier sitzen wir!“ Alle Blicke waren auf uns gerichtet und mir war klar, dass meine pädagogischen Bemühungen bewertet werden würden. „Wir wollen doch mal abwarten, wie die anderen darüber denken und dann sehen wir weiter.“ „Ich bleibe hier!!!!“ Ich tauschte einen Blick mit der hungrigen Gattin und wir  nahmen rechts und links von unserem jüngsten Entscheidungsträger Platz. Timo setzte sich ohne weitere Umstände zu uns. Er hatte an der Theke ein Dreiliter-Gurkenglas voller Münzen entdeckt und konnte den Blick nicht davon wenden. Dankbar ergriff ich die Möglichkeit der Ablenkung, indem ich jedem Kind eine Hand auf den Unterarm legte und mit Märchenonkelgesicht vorschlug: „Schätzt doch mal, wieviel Geld in dem Glas ist!“

Ich weiß nicht, wie alt ein Mensch werden muß, um selbst einfachste Gefahren zu erkennen und zu meiden. Ich hatte dieses Alter wohl noch nicht erreicht, wie die nächsten Ereignisse zeigen sollten. Doch zunächst einmal begrüßte uns Luigi, von den Kindern Lurchi genannt, mit Handschlag und gespieltem Entzücken. Er hätte unter vollständigem Gedächtnisverlust leiden müssen, um uns ernsthaft mit Freude zu sehen. „Na, Luigi,“ ging ich auf seinen professionellen Fatalismus ein, „womit kannst Du uns heute entzücken?“ „Ische binne entzückt von die schöne Fraue. Möchte Aperol?“ Jan quengelte: „Mama, kann ich aufstehen?“ Meine Frau, leicht errötet über Luigis, übrigens immer gleicher Ansprache, flötete „Ja, bitte!“ Jan sprang vom Stuhl. „Nein, Du doch nicht!“ Ich setzte ihn wieder hin. „Mama hat gesagt, ich darf!!!“ Es war schon wieder gefährlich laut. „Nein, habe ich nicht!“ korrigierte sie sanft,  noch unter dem Einfluß  des italienischen Charmes. „Doch, Du lügst! Du lügst! Du lügst!“ An den anderen Tischen stellte man sich taub. „Wo willst Du denn hin?“ fragte ich mit aufgeschlagener Speisekarte. „Das Geld zählen. Ich will auch das Geld zählen!“ Jetzt erst wurde ich gewahr, dass unser Timo bereits an der Theke auf einem Barhocker saß, das Geldglas fest im Blick. „Na gut, aber sag vorher, was wir Dir bestellen sollen?“ „Pizza.“ „Mit Spinat?“ Die Frage war natürlich rhetorisch. „Mit Wurst,“ korrigierte er mich und eilte an die Theke.

Mit der angemessenen Eile von Menschen, die um die Vergänglichkeit der Momente des Glücks wissen, überflogen wir die Karte. Wir bestellten die Getränke. Nachdem Lurchi sie serviert hatte, riefen wir die Kinder.

Jan kam sofort angerannt, kletterte auf seinen Stuhl, nickte als ich sagte, „Pass aber auf!“, trank einen hastigen Schluck und sprang vom Stuhl um wieder das Geld zählen zu gehen. Dabei zog er an der Tischdecke und seine Cola ergoss sich über den halben Tisch. Das Glas zersprang vor Scham am Boden. Interessiert besah sich Jan das Werk höherer Mächte. Zerknirschung war ihm anzusehen, ‚wieso immer ich’, schien er zu denken. Luigi kam mit einer neuen Tischdecke und einem Eimer. „Da kannst Du nicht dafür, das ware Peche,“ erklärte er dem Kind. „Ich weiß, bringst Du mir noch eine?“ Ich vermied es, mich umzusehen.

trotzki
Zeichnung: Stephan Rürup

Endlich brachte man Essen. Obwohl von den Kindern die ganze Zeit nichts zu hören gewesen war, hatte ich das Gefühl, daß Eile geboten sei. Ich ging hinüber zur Theke, weil ich nicht schon wieder laut durchs Lokal rufen wollte. „Kommt Ihr? Die Pizza ist da.“ Jeder von beiden fuhr mit einem Finger an dem Geldglas entlang, die Augen unverwandt auf die Münzen gerichtet. „Hallo!“ „Ja gleich.“ „Es wird doch kalt!“ versuchte ich zu argumentieren. Genauso gut hätte ich sagen können, „Ich stehe im Wald“ oder so, die Reaktion wäre die gleiche gewesen. Also setzte ich mich an unseren Tisch und widmete mich meiner Pasta. Vorsorglich trank ich Jans Cola-Glas halb leer. Meine Frau aß und ließ träumerisch den Blick schweifen. Sie konnte ihr Glück einer in Ruhe genossenen Mahlzeit noch nicht so recht fassen, wir hoben die Rotweingläser und lächelten einander verschworen an.

Dann ging es schnell. Kinderkreischen, ein Knall wie beim Durchbrechen der Schallmauer und ein langgezogener Tusch, so eine Mischung aus Meeresrauschen und Schlagzeugbecken. Zwei Kinder lagen zwischen Kleingeld und Scherben, der eine heulte, der andere schaute ungläubig auf  das Arrangement. Ich reagierte schnell und zückte unverzüglich meine Geldbörse um auf unserem Tisch eine großzügige Abfindung für Koch und Personal zu hinterlassen. Meine Frau und ich ergriffen je einen Delinquenten, um das Lokal vor der kompletten Zerstörung zu bewahren, aber beide kreischten als ginge es ihnen verdientermaßen an den Kragen. „Was wollt Ihr denn noch?“ rief ich, auf dem letzten dünnen Nervenstrang balancierend, die Betonung lag auf „noch“ und mein Griff, der an Timos Armen zog, wurde etwas krampfig. Nun heulten beide. „Was ist denn jetzt, wir gehen sofort!“ Ich legte alles, was ich an autoritärem Druck aufzubieten imstande war in diese Anweisung. Lautes Aufheulen aus zwei empörten Kinderkehlen war die Antwort: „Aber jetzt könnten wir doch das Geld zählen!!!“

Auf dem Heimweg wurde nicht viel gesprochen. „Gut, dass sie keine Steinpilze hatten, die hätte ich ungern stehen gelassen.“ Mein Trostversuch wurde von der Gattin schweigend übergangen, die Kinder nickten verständnisvoll.

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