Nach oben

Kidslife · das Elternmagazin

Grundeinkommen im Test – Erfahrungsbericht 3

Grundeinkommen ermöglicht mehr Zeit für die Familie
john-mark-smith /Unsplash

Grundeinkommen für ein Jahr

Mein Grundeinkommen verlost 1000 Euro monatlich für ein Jahr.  Gewinner-Familie Fischer aus Berlin erzählt uns von ihren Erfahrungen mit dem zusätzlichen Geld.

Ist das Bedingungslose Grundeinkommen für alle der richtige Ansatz für die Welt von morgen? Auf jeden Fall ist es ein Konzept, das uns als Eltern sehr interessiert. Michael Bohmeyer, der Vereinsgründer von Mein Grundeinkommen, hat eine Möglichkeit gefunden, in der Praxis auszuprobieren, worüber andernorts viel debattiert wird. Seine Idee: Über Crowdfunding sammelt der Verein Geld – und sobald eine Summe von 12.000 Euro erreicht wurde, wird das Geld als Grundeinkommen an einen Gewinner monatlich ausgeschüttet. Susanne Fischer-Möhring aus Berlin investierte es vor allem in Quality-Time für ihre Familie und eine hochwertige Ernährung mit  Bio-Produkten.

Mein Grundeinkommen, Susanne Fischer-Möhring
Foto: Susanne Fischer-Möhring

Liebe Susanne, kannst Du uns etwas über Dich und Deine Familie erzählen?

Wir sind eine Familie aus Berlin. Wir sind zu viert und wohnen im Stadtteil Berlin Schöneweide. Ich, Mama Susanne, arbeite als Lehrerin in einer Gemeinschaftsschule, an der ich Kunst unterrichte. Unser Papa Alex ist freiberuflicher Musikproduzent und arbeitet auch bei einem Musiklable in der Stadt. Wir sind seit 2015 verheiratet und haben zwei wundervolle Kinder. Anna (bald 4 Jahre) ist sehr musikalisch und die tollste Einhornzeichnerin der Stadt. Jacob (7 Jahre) ist eine Leseratte und ein ausgefuchster Zahlenjongleur.Wir wohnen in einer schönen Wohnung unweit der Spree und fühlen uns in Schöneweide zu Hause.

Wir war Eure Lebenssituation, bevor Ihr das Grundeinkommen gewonnen habt?

Bevor unsere Familie das Grundeinkommen gewonnen hatte, steckten wir gerade in einer sehr anstrengenden Phase unseres Lebens. Ich war dabei meine Ausbildung als Lehrerin zu absolvieren, weshalb ich nur sehr wenig für meine Familie da sein konnte. Vieles musste Alex stemmen und wir waren sehr gestresst und hatte unglaublich wenig Schlaf. Kaum zu glauben, dass ich monatelang mit nur täglich vier Stunden Schlaf auskommen musste. Alles unter einen Hut zu bekommen, war ein unglaublicher Spagat, von dem ich heute nicht mehr weiß, wie wir ihn hinbekommen haben. Ich weiß nur noch, dass es viele Tränen gab und ich diese Zeit nicht ohne meine Familie geschafft hätte. Mein Mann, der alles so lautlos und geduldig ertragen und getragen hat, sowie meine Kinder, die uns diese Megapower verschafft haben und das Leben mit einem Sinn erfüllt haben.

Wie hast Du die Nachricht aufgenommen, Grundeinkommen-Gewinnerin zu sein –  und wofür nutzt Ihr den Geldsegen?

Als mich die Nachricht erreichte, dass wir ein Grundeinkommen erhalten haben, lag ich völlig übermüdet mit Kopfschmerzen auf dem Bett und versuchte kurz mein Schlafdefizit auszugleichen, bevor ich die Kinder von der Kita abholen wollte. Ich schaute nochmal kurz in meine Mails über mein Handy und realisierte im ersten Moment gar nicht, was passiert war. Ich musste tatsächlich nochmal und nochmal lesen, bevor ich wirklich erfassen konnte, dass wir ein Grundeinkommen gewonnen hatten.

Natürlich stand dann die Frage im Raum, wie wir mit dem Geldsegen umgehen würden. Klar war uns, dass die ganze Familie etwas von diesem Geld haben sollte und wir es unter uns vieren gerecht aufteilen würden. Da wir schon jahrelang mit vielen Entbehrungen gelebt hatten, war uns klar, dass das Sinnvollste, was wir machen konnten, in diesem Moment die Investition in Familienzeit sein würde. Da die Kinder und wir schon seit Monaten immer nur für meine Ausbildung an Familienzeit zurückgesteckt hatten, wollten wir das Geld nutzen, um Ausflüge und Reisen zu machen. Außerdem stellten wir unsere Ernährung um. Wir achteten darauf, regionale und ökologische Kost zu kaufen. Wir haben es uns tatsächlich richtig gut gehen lassen. Das gesamte Geld floss sozusagen in unsere kleine Familie.

Grundeinkommen finanziert Bio-Ernährung
Foto: Kate Trysh / Unsplash

Hat sich das Geld auf Euer Leben und Eure Motivation positiv ausgewirkt?

Ich habe das Gefühl, dass es das auf jeden Fall getan hat. Es war sozusagen ein Ausgleich für diese Durststrecke in unserem Leben und kam genau zum rechten Zeitpunkt. Wir haben uns damit reichlich Familienzeit und unvergessene Erlebnisse mit den Kindern geschaffen. Außerdem konnte ich nach meinem Referendariat ganz entspannt auf die Suche nach einer passenden Schule gehen. Ich konnte mich in Ruhe und mit Bedacht auf dem Arbeitsmarkt umschauen und eine Anstellung in der Schule annehmen, die zu mir gepasst hat. Es hat sich auf jeden Fall auf die Art, wie ich im Einstellungsverfahren verhandelt habe, ausgewirkt. Ich war viel selbstsicherer, da ich ja eine gewisse Sicherheit im Hintergrund hatte.

Außerdem konnten wir auch Freunden Dinge aus dem Familienbesitz, wie Kinderwagen und Babyausstattung weitergeben, die wir sonst sicherlich verkauft hätten. Die Freude der anderen machte uns in diesem Moment auch sehr glücklich und wirkte sich natürlich auf das Lebensgefühl aus.

Hat das Grundeinkommen Euch etwas ermöglicht, von dem Du schon immer geträumt hast?

Ja, wir konnten uns auf uns konzentrieren, ohne so sehr über den finanziellen Rahmen nachdenken zu müssen. Wir sind generell keine Sparfüchse und leben mehr im Moment, als in der Planung der Zukunft. Vielleicht hat das auch was mit unseren musischen Neigungen zu tun. Jedenfalls haben wir die Zeit als eine sehr unbeschwerte erlebt.

Aus Deiner Sicht: wäre das Grundeinkommen eine gute Alternative zum jetzigen Sozialsystem und denkst Du, dass es zu einer positiven Entwicklung der Gesellschaft beitragen könnte?

Generell finde ich das Grundeinkommen eine sehr gute Art, das Leistungsdenken der Gesellschaft auszubremsen und es Menschen zu ermöglichen, über alternative Lebens- und Arbeitsweisen nachdenken zu können. Es führt meines Erachtens dazu, dass man sich in unserer sehr kommerziellen Welt wieder mehr auf sich selbst konzentrieren kann.

Mir ist noch nicht ganz klar, wie sich das Grundeinkommen auf das Konsumverhalten der Menschen generell auswirken würde, wenn es für jeden verfügbar wäre. Wir als umweltbewusste Familie haben sehr auf fair gehandelte und ökologische Produkte geachtet. Das wäre aber sicher nicht bei allen Menschen der Fall. Von daher bin ich mir nicht sicher, ob das Grundeinkommen nicht doch zu erhöhtem ungesunden Konsumverhalten beitragen würde, das für die Welt als Ökosystem eher schlecht wäre. Auch könnte ich mir vorstellen, dass sich Preise im kapitalistischen System sofort an das Grundeinkommen anpassen würden, was bedeuten würde, dass zum Beispiel die Blase des Wohnungsmarktes noch weiter anschwellen würde.

Dennoch denke ich, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen gerade Familien oder Menschen mit guten Ideen aber wenig Geld, Möglichkeiten eröffnen kann, andere Wege zu gehen. Ich denke Eltern brauchen in der heutigen Zeit viel mehr Freiraum (finanziell und somit auch zeitlich), um eine gesunde Familie leben zu können. Mir kommt in diesem Zusammenhang häufig der Gedanke, ob das System des Geldes nicht generell überholt sein könnte und unsere Weltgemeinschaft daher vom Grunde auf verändert werden müsste.

Über die Menschen, die schon ein gutes Einkommen haben, kann ich in diesem Zusammenhang nicht so viel sagen. Es wäre natürlich toll, wenn auch sie das Geld für einen nachhaltigen Lebensstil einsetzen oder es in gemeinnützige Projekte fließen lassen würden. So könnten der Umweltschutz, das Tier- und Allgemeinwohl der Gesellschaft und auch die Kulturszene davon profitieren. Das wäre natürlich wünschenswert und großartig.

Weitere Informationen:

Wenn Du gerne mehr über Mein Grundeinkommen erfahren und vielleicht auch als Spender aktiv werden möchtest, findest Du hier weitere Informationen.

Tipp: Lies auch

Teil 1    und

Teil 2

unserer Mini-Serie zum Thema Grundeinkommen.

Ganz aktuell ist dieses Forschungsprojekt zum Grundeinkommen.

Text: Martina Voigt-Schmid/KidsLife-Redaktion

Aufrufe: 20

  • Posted by kidslife on 1. September 2020
Translate »