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Impfen: Vertrauen und Dialog

Auf Initiative des Bürger- und Patientenverbands GESUNDHEIT AKTIV e. V. und des Vereins Ärzte für individuelle Impfentscheidung e. V. diskutierten am 23. und 24. Februar 2018 Bürger- und Elternvertreter, kritische Ärzte, Wissenschaftler, Politiker und Vertreter der Ständigen Impfkommission (STIKO) in Berlin. Sie verständigten sich auf eine neue Dialogkultur, in der unterschiedliche Positionen gehört und sachlich und differenziert erörtert werden können.

Argumente statt Impfzwang

Eine mögliche Impfpflicht in Deutschland? Diese Frage wird in Politik und Medien derzeit diskutiert und zog sich inhaltlich wie ein roter Faden auch durch den Kongress. Sowohl impfkritische Ärzte als auch der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (STIKO), Prof. Thomas Mertens, lehnten eine gesetzliche Verpflichtung ab und widersprachen damit Dr. Patrick Guidato, Leiter des Bundesarbeitskreises Gesundheit und Innovation der Jungen Liberalen, der zuvor den Beschluss des FDP-Bundesparteitags für eine Impfpflicht erläutert hatte. Akzeptanz, Überzeugung und Vertrauen in die Impfentscheidung seien entscheidende Faktoren, die durch eine Impfpflicht nicht zu erreichen sind. In der sich anschließenden lebhaften Podiumsdiskussion verdeutlichten die Vertreter jedoch ihre unterschiedlichen Ziele, Schwerpunkte und Haltungen im Umgang mit Impfungen.

Für eine individuelle Impfberatung

Vertreter des Vereins Ärzte für Individuelle Impfentscheidung forderten eine individuelle und ergebnisoffene Beratung, die sie in der derzeitigen Impfpraxis gefährdet sehen. Von Kinder- und Jugendärzten werde vielfach erwartet, die Empfehlungen der STIKO auf jedes Kind in gleicher Weise anzuwenden. Die Verantwortung des handelnden Arztes wie der Eltern könne jedoch nicht an eine allgemeine Empfehlung oder die Rechtslage abgegeben werden. Zudem sei jedes Kind anders und die Lebenssituationen, Erfahrungen und Werthaltungen verschieden. „Wir müssen immer abwägen, in welchem Verhältnis der mit der Impfung verbundene Eingriff in die körperliche Unversehrtheit des Kindes und die Risiken der jeweiligen Erkrankung stehen“, betonte Dr. Stefan Schmidt-Troschke, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin und Geschäftsführender Vorstand des Bürger- und Patientenverbands GESUNDHEIT AKTIV. „Vor diesem Hintergrund gilt es verantwortlich abzuwägen.“ So gingen Referenten auf dem Kongress Fragen zur Sicherheit von Impfstoffen ebenso nach wie denkbaren Impfzeitpunkten, der Entstehung von Herdenimmunität sowie einer möglichen Gefährdung anderer.

Auch aus Elternsicht ist eine differenzierte Beratung unerlässlich: „Eltern wollen von Ärzten auf Augenhöhe behandelt werden. Leider ist heute oft das Gegenteil der Fall: Sie werden nicht für voll genommen“, berichtete Angelika Müller von ihren Erfahrungen aus der Interessengemeinschaft Eltern für Impfaufklärung (EFI).

Mehr Forschung nötig

Pro. Dr. Thomas Mertens erläuterte in seinem Vortrag die Arbeitsweise der STIKO und benannte die strategischen Ziele: Individualschutz, Herdenimmunität sowie die weltweite bzw. regionale Ausrottung von bestimmten Erkrankungen. Aus epidemiologischen Gründen sei eine möglichst hohe Impfrate in der Bevölkerung wünschenswert. Er hob die Bedeutung von Impfungen hervor und bezeichnete sie als „effektivste medizinische Maßnahme, insbesondere was das Verhältnis von Aufwand und Nutzen angeht.“ Dabei müssten die Impfempfehlungen immer auf der Basis der besten verfügbaren Evidenz erfolgen. Genau diesen Punkt griffen viele Referenten als problematisch auf. „Wir sind derzeit häufig im Blindflug unterwegs, wo wir eigentlich aussagekräftige Daten bräuchten“, brachte Dr. Wolfgang Schneider-Rathert, Arbeitskreisleiter Impfen bei der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) den Forschungsstand auf den Punkt. Auch Dr. Michael Friedl, Vorsitzender des Vereins Ärzte für individuelle Impfentscheidung, bemängelte: „Es fehlen Studien zu wesentlichen Fragen. Und auch wenn es wissenschaftlich valide Ergebnisse gibt, gelten diese nicht für alle. Was vielen nützt, kann einzelnen Kindern schaden. Dies muss sauber dokumentiert werden.“ Offenheit und Transparenz über das, was wir wissen und nicht wissen, sind deshalb ein weiterer wichtiger Baustein, um Vertrauen zwischen Eltern, Ärzten und Wissenschaftlern zu schaffen.

Eine neue Vertrauens- und Dialogkultur

Nicht nur das Vertrauen zwischen Eltern und Ärzten stand immer wieder immer Mittelpunkt, auch das gesellschaftliche Klima und die Diskussionskultur der Ärzte untereinander nahmen die Redner in den Blick. Miteinander diskutieren und zu unterschiedlichen Meinungen kommen – eine demokratische Selbstverständlichkeit, die aber für das Thema Impfen bislang nicht galt. „Was wir brauchen, sind demokratisch-zivilgesellschaftliche Umgangsformen auch beim Impfen und nicht wilhelminisch anmutende Verlautbarungen von oben“, fordert Wolfgang Schneider-Rathert. Das bisherige gesellschaftliche Klima und die Diskussionskultur der Ärzte untereinander bezeichneten viele Referenten als problematisch, wenn nicht gar als vergiftet. „Wie kommen wir zu einer neuen Vertrauenskultur – auch über divergierende Interessen hinweg?“, fragte deshalb Stefan Schmidt-Troschke.

Fazit der Diskussionsrunde impfkritischer Ärzte, STIKO-Mitglieder und Befürworter der Impfpflicht: Dialog und offene Diskussion sind die Basis und ein Verzicht auf Demagogie sowie auf die Stigmatisierung Andersdenkender. Prof. Dr. Thomas Mertens sprach sich für eine breite Diskussion zum Impfen aus. „Ich denke, dass ist ein wichtiger Diskurs. Wir müssen sehen, dass möglichst viele Fakten zum Tragen kommen und dass diese Fakten allgemein verfügbar sind.“ Und Stefan Schmidt-Troschke ergänzte: „Wir dürfen uns nicht gegenseitig unsere Redlichkeit absprechen. Ob Befürworter individueller Impfentscheidungen oder STIKO-Mitglied: Für uns alle steht das Kindeswohl im Mittelpunkt unseres Handelns. Der Kongress soll ein Anfang sein, den Dialog auszuweiten und zu vertiefen“, so Schmidt-Troschke. Ein Schritt in die richtige Richtung, auch für viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer: „Es ist toll, dass heute auch Vertreter der STIKO und Befürworter einer Impfpflicht da sind, auch wenn ich selbst eine völlig andere Meinung vertrete“, fasst eine Zuschauerin ihren Eindruck zusammen.

Die Initiatoren des Kongresses

Der Bürger- und Patientenverband GESUNDHEIT AKTIV e. V. setzt sich seit 1952 als unabhängiger und gemeinnütziger Verein für die Rechte von Bürger*innen ein und will u. a. Menschen darin unterstützen, für ihre Gesundheit kompetent selbst entscheiden zu können.

Dem Verein Ärzte für individuelle Impfentscheidung e. V. haben sich seit 2003 Ärztinnen und Ärzte angeschlossen, die sich für das Fortbestehen einer freien Impfentscheidung jedes Einzelnen stark machen, auf der Basis einer umfassenden ärztlichen Aufklärung. Der Verein steht für langjährige Expertise zum Thema Impfen in Praxis und Forschung.

 

Bücher zum Thema:

Dr. Martin Hirte: Impfen Pro & Contra: Das Handbuch für die individuelle Impfentscheidung

Stephan Heinrich Nolte: Maßvoll impfen: Risiken abwägen und individuell entscheiden – Eine Orientierungshilfe für Eltern

Dr. Roman Machen, Ruediger Dahlke, Christoph Eydt: Impfen: Ja oder nein?

 

Lesen Sie auch: https://www.kidslife-magazin.de/allgemein/impfen-pro-und-contra/

  • Posted by kidslife on 26. Februar 2018

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