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Kidslife-Magazin · Leben mit Kindern

Ein Tausendsassa, der nicht still sitzen kann

Leon – ein ADHS Kind

Ein Kind mit Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom kann eine Familie enorm belasten. Eine frühzeitige Diagnose und Therapie, klare Regeln und Strukturen und ein Netzwerk, das Eltern, Schule und soziales Umfeld mit einbezieht, können den Betroffenen das Leben leichter machen. Diese Erfahrung hat jedenfalls Familie Kordes aus Bremen gemacht, die ihren wilden Tausendsassa Leon über alles liebt.

Kurz vor sechs Uhr morgens bei Familie Kordes. Alle liegen noch in tiefem Schlummer, nur Leon nicht. Der Siebenjährige ist schon lange wach. Er ist bereits halb angezogen, hat schon einen Teil seiner Autorennstrecke aufgebaut, gleichzeitig vergeblich nach seinen verlorenen Murmeln gesucht und während noch ein Hörbuch läuft, fällt ihm ein, dass er jetzt auch mal die anderen Familienmitglieder wecken könnte….

Ein „Zappelphilipp“, der alles auf einmal machen will

Später, beim Frühstück fällt es Leon sichtlich schwer, ruhig auf seinem Stuhl sitzen zu bleiben, denn er hat tausend wichtige Dinge im Kopf, die er jetzt erledigen muss und Hunger hat er auch nicht wirklich. Seine Mutter Monika fordert ihn öfter auf sitzen zu bleiben und erst mal zu frühstücken. Die Ermahnungen der Eltern sind seine beiden Geschwister schon gewohnt und auch, dass sich das Familienleben oft um ihren Bruder Leon dreht, der fast ständig in Bewegung ist und lauter neue Ideen hat, die er direkt umsetzten möchte. Als es Zeit wird zur Schule zu gehen, hat Leon sich immer noch nicht fertig angezogen. Außerdem macht es ihm sowieso viel mehr Spaß, vom Hochbett auf die weiche Matte am Boden zu springen als den langen Vormittag im Klassenzimmer zu verbringen. Ganz normaler Alltag für eine Familie mit einem Kind, das unter ADHS, besser bekannt als Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, leidet.

„Bevor Leon in die Schule kam, war alles etwas einfacher“, berichtet Monika Kordes. „Seine Erzieherinnen baten uns zwar regelmäßig zu Gesprächen, da Leons Lebhaftigkeit oft Unruhe in die ganze Gruppe brachte und es ihm schwer fiel, sich an Regeln zu halten. Gleichzeitig hatte er aber auch die Möglichkeit sich auf dem Spielplatz oder im Bewegungsraum auszutoben. Und seine originellen Ideen, wie z.B. den Bau einer Lego – Hängebrücke, die er an einem Deckenhaken befestigte, fanden Anerkennung. In der Schule entstehen deutlich mehr Schwierigkeiten, da von den Kindern nun vermehrt erwartet wird, dass sie sitzen, zuhören und konzentriert arbeiten.“

Gezielte Förderung in der integrativen Schule

Vor der Einschulung hatten Leons Eltern viele Bedenken. Ihnen war klar, dass die Wahl einer geeigneten Schule in diesem Fall entscheidend für seine weitere „Lernlaufbahn“ sein könnte. „Wir haben im Vorfeld viele Informationen gesammelt und uns für eine Grundschule im selben Ort entschieden, die auch integrativ arbeitet. Deshalb haben die Klassen hier weniger Schüler und es stehen Förderlehrer zur Verfügung, deren Ausbildung auch unserem Sohn zu Gute kommt. Durch den Einsatz von Wochenplan- und Projektarbeit sind die Kinder viel mehr in Bewegung als beim „Frontalunterricht“. Außerdem stehen Förderprogramme für lese-und rechtschreibschwache Schüler zu Verfügung“, sagt Leons Vater. „Trotzdem ist es nicht einfach. Leon braucht klare Regeln und Strukturen, die konsequent umgesetzt werden müssen. Glücklicherweise sind seine Lehrer bereit, sich mit uns zusammen zu setzen, wenn größere Probleme auftreten, um gemeinsame Absprachen zu treffen.“

Im Unterricht kann Leon nicht sehr lange auf seinem Stuhl sitzen bleiben. Er sucht jede Möglichkeit aufzustehen oder sich irgendwie zu bewegen. Jedes kleine Ereignis oder Geräusch lenkt ihn ab, deshalb hat er mehr Probleme als andere Kinder, dem Lernstoff zu folgen. Aus diesem Grund lässt ihn seine Lehrerin ganz vorne sitzen, mit nur einem Tischnachbarn. Leon ist eigentlich ein intelligenter Junge, vor allem der Umgang mit Zahlen liegt ihm. Aber beim Lernen der Buchstaben braucht er deutlich mehr Zeit als andere Kinder aus seiner Klasse und die ersten Leseschritte fallen ihm sichtlich schwer, da seine Konzentration immer wieder nachlässt. Seine liebsten Fächer sind Sport und Musik und spätestens in den Pausen auf dem Schulhof dreht er richtig auf, was manchmal auch im Streit mit anderen enden kann….

Eine Herausforderung für die ganze Familie

„Obwohl Leon uns oft an unsere Grenzen bringt würden wir ihn mit keinem Kind der Welt tauschen wollen, denn bei allen Schwierigkeiten ist er doch ein wahrer Sonnenschein“, betonen die Eltern. „Unser Familienleben ist allerdings sehr anstrengend, da sich vieles zwangsläufig nach den Bedürfnissen von Leon ausrichtet. Seine Geschwister beschweren sich manchmal, das sie zu kurz kommen, oder beginnen, manche Verhaltensweisen von Leon zu übernehmen, das ist für den Alltag sehr belastend und die Sehnsucht nach ein paar ruhigen Minuten ist ein Dauergast in meinem Leben…“, erklärt Monika Kordes. „Für uns war es sehr wichtig, Hilfe und Unterstützung von Fachleuten zu bekommen, bevor der stressige Alltag den Zusammenhalt der Familie ernsthaft gefährden konnte,“, fügt sie hinzu.

Doch auch außerhalb der Familie sind Schwierigkeiten mit einem ADHS Kind vorprogrammiert. Kinder wie Leon fallen in der Öffentlichkeit auf, verhalten sich impulsiv und haben daher häufig Probleme sich in sozialen Gruppen zu integrieren.

Familie Kordes hat auf diese Herausforderung frühzeitig reagiert. Der Besuch bei einem Psychologen, der auf das Krankheitsbild ADHS spezialisiert ist, half ihnen zu verstehen, dass nicht etwa Dickköpfigkeit oder Mutwilligkeit hinter vielen Verhaltensweisen ihres Sohnes stehen. Gleichzeitig wurde ihnen auch bewusst, dass sie diese Situation auf ihrem ganzen Erziehungsweg begleiten wird. Auf der Suche nach passenden Therapiemaßnahmen wurde schnell deutlich, das nicht nur mit Leon alleine gearbeitet werden muss. Vielmehr sollte, soweit möglich, sein soziales Umfeld mit einbezogen werden. Ein wichtiges Fundament bildet die Beratung und Unterstützung der Eltern, Erzieherinnen oder Lehrer in pädagogischen und erzieherischen Fragen.

Umfassende Unterstützung durch das Erziehungsnetzwerk

Leon selbst wird verhaltenstherapeutisch betreut, besucht einmal wöchentlich eine Psychomotorikgruppe und spielt regelmäßig mit Begeisterung Fußball im Verein.

„Wir haben gelernt, das wir unseren Alltag mehr strukturieren und unseren Erziehungsstil teilweise ändern müssen. Beispielsweise ruhig aber standhaft darauf zu bestehen, dass Aufgaben, die wir den Kindern übertragen auch ausgeführt werden oder den Medienkonsum zu beschränken, so dass Leon die Chance bekommt, sich besser zu sortieren und somit auch zu konzentrieren“, berichtet sein Vater Wolfgang. “Mit seiner Lebhaftigkeit und seinen sprudelnden Ideen sorgt Leon immer wieder dafür, dass es nie langweilig wird. Da wir es bis jetzt geschafft haben eine Art Erziehungsnetzwerk aus Schule, Therapie und Familie zu bilden, konnten wir bisher auf die Gabe von Medikamenten verzichten. Wir haben lange darüber nachgedacht und waren uns einig, dass wir, solange die Situation nicht noch schwieriger wird, andere Alternativen bevorzugen “

Die Besonderheiten und Schwierigkeiten von Kindern mit ADHS werden diese und deren Familien ein Leben lang begleiten. Wenn die Betroffenen jedoch, so wie Familie Kordes, frühzeitig therapeutische und pädagogische Anleitung erhalten, besteht für das Kind die Möglichkeit, mit zunehmendem Alter über Selbstreflexion und gelernten Verhaltensstrategien die eigene Impulsivität besser in den Griff zu bekommen. Wenn es gelingt, gesteigerten Antrieb und Aktivität in konstruktive Bahnen zu lenken, können diese Eigenschaften später vielleicht auch eine Chance sein.

Das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADHS)

Laut Definition der Bundesärztekammer ist ADHS eine Störung der Aufmerksamkeit, verbunden mit einem Mangel an Ausdauer bei Beschäftigungen sowie der Tendenz, Tätigkeiten zu wechseln, bevor sie zu Ende gebracht wurden. Weitere Kennzeichen sind ein unruhiges Verhalten, insbesondere Unfähigkeit, still sitzen zu können, und eine ausgeprägte Impulsivität, die häufig mit abrupten motorischen und/oder verbalen Aktionen einhergeht, die nicht in den sozialen Kontext passen. Bei diesem Krankheitsbild handelt es sich um ein Ungleichgewicht der Botenstoffe im Gehirn, welches eine fehlerhafte Informationsverarbeitung zwischen den einzelnen Hirnabschnitten bewirkt. Es gibt bislang noch kein medizinisches Testverfahren auf dem Gesundheitsmarkt, mit dem man ADHS gesichert nachweisen kann.

Unterschieden werden zwei Varianten der Aufmerksamkeitsstörung:

–       Typ 1: der vorwiegend hyperaktiv-impulsive Typ (ADHS)

–       Typ 2: der unaufmerksame, träumerisch-abwesende Typ (ADS)

–       Seltener können auch Mischformen auftreten.

Wann liegt eine ADHS-Störung vor?

Man spricht von ADHS, wenn Hyperaktivität (bei Typ 1), Impulsivität und Aufmerksamkeitsstörungen über einen längeren Zeitraum hinweg (mindestens 6 Monate) in mehreren Bereichen, wie Schule, Familie und Freizeit gleichzeitig auftreten.

Behandlung von ADHS

Bei der berechtigt kontrovers diskutierten medikamentösen Therapie mit Stimulanzien (Wirkstoff Methylphenidat) oder Anti-Depressiva kann im Nachhinein festgestellt werden, ob ein ADHS-Syndrom vorliegt, wenn diese eine Veränderung des (Aufmerksamkeits-)Verhaltens nach sich ziehen. Diese Medikamente bewirken keine „Heilung“, sondern können die Symptomatik auf verschiedenen Ebenen lindern und, insbesondere bei schweren Fällen, eine Grundlage für weitere therapeutische Maßnahmen bilden. Es existieren allerdings noch keine Langzeitstudien über die auftretenden Nebenwirkungen.

Es gibt viele ADHS- ähnliche Symptome bei Kindern, die andere Ursachen haben können, z.B. im sozio-emotionalen (Umfeld-)Bereich begründet sind, auf Nahrungsmittelallergien beruhen, usw. In diesen Fällen wäre eine medikamentöse Behandlung (wie oben beschrieben) wirkungslos. Aus diesem Grund ist eine vorherige genaue Diagnostik von verschiedenen Fachleuten (Ärzten, Psychologen, Pädagogen, Wahrnehmungstherapeuten) und eine Umfeldanalyse (Familie, Kindergarten, Schule…) erforderlich. Therapie bei ADHS sollte multimodal angelegt sein, also von Fachleuten verschiedener Richtungen begleitet werden. Aus einem Pool von unterschiedlichen therapeutischen Angeboten sollte ein individuelles „Paket“ zusammengestellt werden. Dazu zählen medizinische Betreuung, Psychotherapie, pädagogische Unterstützung, spezielle Lern- und  Förderkonzepte, Ergotherapie bei ADHS und ganz wichtig: Einbindung des Umfelds, sowie Elternfortbildungen, -begleitung der Betroffenen.

Links zu diesem Thema im Internet

www.adhs-deutschland.de

www.adhs.de

www.dr-gumpert.de