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Kidslife · das Elternmagazin

Gehirnentwicklung von Kindern bei Stress oder Missbrauch

Gehirnentwicklung von Kindern unter Stress, Foto: Pixabay

Ein Beitrag von Prof. Seth Pollak

Gehirnentwicklung bei Kindern ist ein Thema, das noch besser erforscht werden muss. Wie man bereits weiss, verändert körperlicher und psychischer Missbrauch die Gehirnstruktur von Kindern. Jedoch wird die Entwicklung des Gehirns auch durch positive Erfahrungen beeinflusst. Diese könnten sogar den negativen Auswirkungen früher Traumata entgegenwirken, vermuten Neurowissenschaftler.

Im Moment versteht die Wissenschaft noch nicht ganz, welche Interventionen die Gehirnentwicklung von Kindern verbessern können, nachdem sie durch frühe Widrigkeiten geschädigt wurden. Fest steht jedoch, dass das menschliche Gehirn plastisch ist, insbesondere in sehr jungen Jahren, und daher in einer Weise veränderbar ist, die Kindern langfristig auch zugute kommen kann.
Zum Beispiel können betroffene Kinder lernen, besser mit Stress umzugehen. Doch die biologischen Abdrücke negativer Eerlebnisse machen sie oft anfällig für Verhaltensweisen, die sie später auf weniger extreme Situationen überreagieren lassen.

Foto: Gerd Altmann auf Pixabay

Gehirnentwicklung bei Kindern

Langsam beginnt man zu verstehen, wie das Gehirn von Kindern geformt wird. Untersuchungen haben ergeben, dass Schäden typischerweise durch chronische, äußerst widrige Erfahrungen verursacht werden.
Die Ergebnisse von Experimenten mit Ratten legen nahe, dass Maßnahmen ergriffen werden können, um diese Schäden zu bekämpfen. Diverse Studien zeigten, dass missbräuchliche Elternschaft die Genetik des Stressreaktionssystems der jungen Ratten veränderte, so dass diese Schwierigkeiten hatten, ihre Stressreaktionen abzuschalten. Wenn jedoch die gleichen Ratten ansprechenden, fürsorglichen Müttern ausgesetzt wurden, kehrte sich diese epigenetische Veränderung um.

Das menschliche Gehirn ist plastisch und daher wandelbar, und zwar auf eine Weise, die Kindern nicht nur schaden, sondern auch langfristig zugute kommen kann.
Unser nächster Schritt muss sein, viel mehr darüber herauszufinden, wie das menschliche Gehirn positiv auf gute Erfahrungen reagiert. So könnten Interventionen entwickelt werden, die die biologischen Auswirkungen von Missbrauch in der Kindheit umkehren können.

Foto: ambermb auf Pixabay

Wie widrige Umstände im Kindesalter die Gehirnentwicklung beeinflussen

Die Neurobiologie von Kindern, die körperlichen Misshandlungen ausgesetzt sind, hat vieles gemeinsam mit der von Kindern, die in extremer Armut erzogen, oder vernachlässigt wurden. Diese Tatsache legt nahe, dass das Gehirn und das Stresssystem auf allgemeine Weise lernen und sich anpassen, wenn sich Kinder in Umgebungen befinden, in denen sie hohen Belastungen ausgesetzt sind.

Die Neurowissenschaft sagt uns auch, dass geringfügige Störungen in den Erfahrungen normalerweise nicht zu biologischen Veränderungen im Gehirn führen, die sich kaskadierend auswirken. Das Gehirn von Kindern kann mit Vielem umgehen. Es braucht schon etwas Extremes oder Dauerhaftes, um die biologische Entwicklung zu verändern.

Wie und warum wird die Gehirnentwicklung bei Kindern durch Armut beeinflusst? Ein Mangel an Obdach oder Wärme, schlechte Gesundheitsversorgung, mangelhafte Ernährung, gestresste Eltern oder schlechte Schulbildung – wahrscheinlich wäre es kein Problem, wenn ein Kind nur unter einer dieser Komponenten leiden würde. Doch wenn kleine Kinder über einen längeren Zeitraum  mit mehreren Widrigkeiten gleichzeitig zu tun haben, ist viel wahrscheinlicher, dass sich die biologische Nadel verschiebt.

Das Gehirn eines Kindes wird sich stets anpassen, um ein nicht artgerechtes Umfeld zu regulieren und damit umzugehen,  auch wenn sich diese Anpassungen als ungünstig erweisen in der Art und Weise, wie das Kind später mit dem Rest der Welt umgeht.

Foto: ikon auf Pixabay

Überbewachende Reaktion auf Bedrohung

Zum Beispiel können Kinder, die von ihren Betreuern körperlich verletzt wurden, das Bedürnis entwickeln, stets alles zu überwachen. Als sofortige Reaktion kann das hilfreich sein, z. B. wenn ein Elternteil wiederholt plötzlich  aggressiv wird. Eine solche Wachsamkeit, die unmittelbar bevorstehende Veränderungen registriert, kann Kindern Zeit geben und sie beispielsweise dazu animieren, einen Raum zu verlassen und sich zu verstecken, um weitere Verletzungen zu vermeiden.

Hypervigilanz kann jedoch später in der Schule zu einem Problem werden, bei dem solche Kinder in Schwierigkeiten geraten und selbst als aggressiv angesehen werden. Sie können überreagieren, wenn sie andere Kinder oder Lehrer als wütend empfinden. Solche Kinder denken möglicherweise fälschlicherweise, dass andere Menschen wütend auf sie sind, wenn tatsächlich  jemand anderer gemeint ist. Sie können auch Verärgerungen und andere Emotionen als Zeichen einer bevorstehenden Aggression falsch interpretieren.

Alexas_Fotos auf Pixabay

Genetische Veränderungen durch Erfahrung

Meine eigene Forschung untersucht Aspekte, die wirksame Interventionen ermöglichen könnten. Beispielsweise stellten wir fest, dass Kinder in chronisch gestressten Umgebungen eine Veränderung jener Gene aufweisen, die die Verarbeitung von Stresshormonen regulieren. Ihr Glucocorticoid-Rezeptor-Gen hatte einen Teil, der ausgeschaltet war, so dass diese Kinder zwar eine normale Stressreaktion hatten, aber sie hatten größere Schwierigkeiten, diese wieder herunterzufahren und sich zu beruhigen.
Wir haben auch Studien durchgeführt, aus denen hervorgeht, dass Kinder mit sehr hohen Belastungen im Frühstadium Schwierigkeiten haben, ihr Denken und Verhalten zu aktualisieren, wenn sich ihre Umgebung ändert.

Eine Intervention muss keine traditionelle Form der Psychotherapie sein, sondern kann darauf aufbauen, wie das Gehirn auf Veränderungen reagiert.
In einer Studie mussten Kinder lernen, Bilder von verschiedenen gewöhnlichen Objekten (wie Stühlen oder Flaschen) mit Belohnungen und Strafen wie dem Gewinnen oder Verlieren von Punkten zu verbinden. Die Kinder lernten schnell, welche Objekte im Spiel ausgewählt werden müssen, um die meisten Punkte zu erzielen. Als wir jedoch änderten, welche Gegenstände belohnt wurden, bemerkten wir etwas Wichtiges. Die meisten Kinder aktualisierten ihre Auswahl schnell und wählten die Objekte aus, die jetzt belohnt wurden. Kinder mit hohem Stresslevel bleiben jedoch bei den Optionen, die sie zuerst gelernt hatten, obwohl dies nicht mehr sinnvoll war.

Diese Art von Studie kann neurologische Erklärungen liefern, die erklären, warum Kinder aus missbräuchlichen häuslichen Umgebungen möglicherweise weiterhin ihre früh erlente Strategien anwenden, selbst wenn sie nicht mehr mit einer missbräuchlichen Pflegeperson zusammenleben.

Foto: billy cedeno auf Pixabay

Auswirkungen von Stress in der Kindheit und bei Erwachsenen

In einer langfristig angelegten Studie haben wir die Gehirnentwicklung bei Kindern mit extrem hoher Stressbelastung iin frühen Jahren und solchen mit normalen Stressniveaus verglichen. Wir folgten den Kindern dann bis ins frühe Erwachsenenalter. Als junge Erwachsene kehrten sie in unser Labor zurück, wo wir ihre Gehirnaktivierung und ihr Verhalten untersuchten, während sie Entscheidungen trafen.

Dieser Ansatz überwand ein bisher großes Problem der Wissenschaft mit Studien, in denen Erwachsene gebeten wurden, ihre Kindheitserfahrungen nachträglich zu schildern. Bei diesen ist es oft schwer ffeststellbar, ob mit Stress verbundene Verhaltensprobleme frühkindliche Erfahrungen oder aktuelle Stressituationen widerspiegeln. Das liegt daran, dass Menschen mit extrer Stessbelastung in der Kindheit oft auch später ein chronisch gestresstes Leben führen.
In unserer Studie jedoch wurden die potenziellen Vorurteile und gefühlsbedingten Färbungen, die mit den Kindheitserinnerungen von Erwachsenen verbunden sind, vermieden. Unsere Studie legt nahe, dass Stress in der Kindheit, mehr als der Stress bei Erwachsenen, für Unterschiede in der Entscheidungsfindung im Gehirn verantwortlich ist.

Foto: Mark Filter auf Pixabay

Gehirnentwicklung bei Kindern – Stress führt zu schlechten Entscheidungen

Unsere erstaunliche Erkenntnis ist, dass eine veränderte Reaktion des Gehirns auf potentiell belastende Situationen, nur mit extremem Stress im Kindesalter in Verbindung stand – nicht mit dem Stresslevel im Erwachsenenleben der Teilnehmer.

Interessanterweise standen diese Gehirnreaktionen auch im Zusammenhang mit der Häufigkeit, mit der einzelne Teilnehmer in ihrem Alltag  problematische  oder pathologische Verhaltensweisen zeigten. Das Experiment lieferte eine mögliche neurologische Erklärung dafür, wie hoher Stress in der frühen Kindheit die Möglichkeit für eine Vielzahl von Verhaltensproblemen und psychischen Krankheiten erhöht: Eine veränderte Gehirnaktivierung scheint zu Fehlurteilen und Entscheidungsfindungen zu führen.

Herausforderung für Forschung und Politik

Aus meiner eigenen Forschung und der meiner Kollegen ist noch deutlicher geworden, dass wir besonders für in jungen Jahren misshandelte oder vernachlässigte Kinder unser Bestes geben müssen. Denn die Auswirkungen auf die Gehirnentwicklung bei Kindern in diesen Jahren können tiefgreifend und dauerhaft sein

Für ältere Kinder, die bereits ein langes stressiges Leben hinter sich haben, müssen hilfreiche Interventionen aus der Wissenschaft des Lernens entwickelt werden. So weit wir aus den Neurowissenschaften wissen, muss das keine traditionelle Form der Psychotherapie sein, sondern kann auf einer der vielen Erkenntnisse aufbauen, wie das Gehirn auf Veränderungen reagiert. Wir müssen herausfinden, wie sich die Ekenntnisse der Wissenschaft des Lernens nutzen und in Strategien und Praktiken umsetzen lassen, die das Leben und Wohlbefinden von Kindern verbessern, die negativen Erfahrungen ausgesetzt waren.

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