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Kidslife-Magazin · Leben mit Kindern

Schreiattacke! Dreimonatskolik

Wenn Babys unter Dreimonatskolik leiden und Eltern die Nerven verlieren

Die sogenannte Dreimonatskolik strapaziert Trommelfell und Nerven und kann für den familiären Ausnahmezustand sorgen – auch in ansonsten harmonischen Familien. Obwohl sie in der Regel ungefährlich ist, bedeutet sie doch eine große Belastung, nicht nur für das Baby, sondern auch für die Eltern – die sich die erste Zeit mit Ihrem neuen Liebling ganz anders vorgestellt haben. Etwa 10 – 20% aller Babys sind betroffen. Was kann man tun?

Wenn ein Baby nicht zu schreien aufhört

Heftige Schreianfälle, die meist ohne erkennbaren Grund und häufig am Nachmittag beginnen und unter Umständen stundenlang andauern, deuten auf eine Dreimonatskolik hin. Das eigentlich gesunde Baby streckt und krümmt sich, sein kleiner Bauch ist gebläht und es lässt sich kaum beruhigen. Nicht nur das Baby, sondern auch die Mutter leiden Qualen, denn Babygeschrei, dass weiß jede Mutter, geht bis ins Mark. Eine Dreimonatskolik macht sich meist um die zweite Lebenswoche herum bemerkbar und nimmt bis etwa zur sechsten Lebenswoche zu. Der Name „Dreimonatskoliken“ deutet darauf hin, dass die unangenehmen Erscheinungen bis etwa zum Ende des dritten Monats wieder völlig verschwinden, aber für manche jungen Familien ist erst ab dem sechsten Monat Entwarnung angesagt.

Rechtzeitig Hilfe suchen

Wichtig: Wenn Eltern die Nerven verlieren, kann das für ein Baby gefährliche Konsequenzen haben. Achten Sie auf Ihr Verhalten und bitten Sie Ihren Partner, Freunde oder Verwandte, Sie zu unterstützen, wenn Sie nicht mehr können. Auf keinen Fall dürfen Sie Ihr Baby schütteln! Bereits kurzes Schütteln kann schweren Schaden nach sich ziehen und im schlimmsten Fall sogar zum Tod führen.

In vielen Städten gibt es bereits „Schreiambulanzen“ für Eltern, die nicht mehr weiter wissen. Auch beim Kinderarzt oder in einer Beratungsstelle für Eltern können Sie um Rat bitten, wenn Ihr Kind ein Schreibaby ist und sich nicht beruhigen lässt.

Weitere Informationen: www.schreiambulanz.de

Warum schreit das Baby?

Bis heute kennt man die genauen Ursachen der Dreimonatskolik nicht. Der Reifungs- und Anpassungsprozess, den ein Säugling in den ersten Monaten leisten muss, ist oft nicht einfach zu bewältigen für den neuen Organismus. Vor allem die Verdauung kann Babys in den ersten Monaten schwer zu schaffen machen – Blähungen und Bauchschmerzen sind häufig ein Problem. Doch nicht immer sind diese die Ursache für die Schreiattacken. Manche Babys tun sich z. B. mit dem Einschlafen schwer. Sie finden tagsüber nicht genug Ruhe im Schlaf und werden dadurch buchstäblich überfordert von den Reizen und Eindrücken seiner Umgebung.

Was kann Hilfe bringen?

Versuchen Sie darauf zu achten, dass der Tagesablauf gut strukturiert wird und dass Ihr Baby auch tagsüber ausreichend Schlaf findet, ob zu Hause oder bei einer Spazierfahrt im Kinderwagen.

Werden Sie nicht hektisch. Bleiben Sie ruhig und spielen Sie mit Ihrem Baby, sprechen Sie mit ihm oder singen ihm etwas vor.

Wenn es doch zu schreien beginnt, hilft es oft, das Baby herumzutragen indem Sie es mit dem Bauch auf Ihren Unterarm legen und mit der anderen Hand sicher abstützen.

Vielleicht mag Ihr Baby, wenn Sie seinen Bauch sanft im Uhrzeigersinn um den Nabel herum massieren oder wenn Sie ihm beruhigende Musik vorspielen.

Achten Sie auch auf Ihr eigenes inneres Gleichgewicht und scheuen Sie sich nicht, Hilfe zu suchen und anzunehmen.

Flyer „Ist mein Kind ein Schreibaby?“ der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e.V. als PDF Download:

Neun von zehn Schreibabys kann geholfen werden

DGKJP: Gute Therapieerfolge in Schreiambulanzen Anpassungsfähigkeit an die neue Umgebung oft gestört

Nächtelang herumtragen, stündlich stillen oder wickeln: Die meisten Methoden, das Dauergebrüll von Schreibabys abzustellen, sind eher kontraproduktiv und verstärken die Unruhe des Kindes noch. Dass es für die verzweifelten Eltern jedoch Hoffnung gibt, zeigen Schreiambulanzen oder -sprechstunden: Hier liegt die Erfolgsquote bei bis zu 90 Prozent, betont Prof. Mechthild Papousek von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie (DGKJP).

In die Sprechstunde für Schreibabys am Kinderzentrum München zum Beispiel haben gestresste Eltern in den vergangenen zwölf Jahren mehr als 2.500 Kinder im Alter von null bis drei Jahren gebracht; 700 Schicksale wurden wissenschaftlich ausgewertet. „Mit durchschnittlich weniger als vier Terminen konnte annähernd neun von zehn Kindern geholfen werden. 45 Prozent galten als vollständig therapiert, bei weiteren 44 Prozent konnten Regulation und Beziehung deutlich stabilisiert werden“, erläutert Prof. Mechthild Papousek von der DGKJP, die am Kinderzentrum München tätig ist. In Schreiambulanzen oder -sprechstunden lernen die Eltern ganz praktisch, wie sie ihrem Kind mehr Ruhe verschaffen und das Einschlafen ermöglichen können. Solche Einrichtungen gibt es nach Angaben der DGKJP an  Universitäts- und Kinderkliniken, sozialpädiatrischen Zentren und Facharztpraxen. „In unserer Eltern-Säugling-Sprechstunde etwa arbeiten Spezialisten aus den Bereichen Kinder- und Jugendpsychiatrie, Familientherapie und Neonatologie (Neugeborenenkunde) interdisziplinär zusammen“, betont Dr. Eva Möhler (DGKJP) von der Universität Heidelberg.

Die Therapieerfolge beruhen auch darauf, dass man inzwischen mehr über die möglichen Entstehungsmechanismen des unaufhörlichen Schreiens weiß. Körperliche Störungen wie „Dreimonatskoliken“ seien selten der Auslöser, so die DGKJP. Vielmehr befinde sich der Organismus des Neugeborenen in einer intensiven Phase der Anpassung an die ungewohnte Umgebung. Schlaf-Wach-Rhythmus, Temperaturhaushalt und Immunsystem entwickelten sich, Umwelteindrücke müssten verarbeitet, neue Ernährungsgewohnheiten erlernt werden. Prof. Papousek: „Diese Reifeprozesse gelingen einigen Babys, andere tun sich schwer damit.“

Auch können Störungen in der frühen Kommunikation zwischen Eltern und Babys eine Rolle spielen. Die Probleme beginnen oft bereits in der Schwangerschaft: Wenn die werdende Mutter unter vorgeburtlichem Stress, Ängsten oder Depressionen leidet, unbewältigte Konflikte mit sich herumträgt oder in einer spannungsträchtigen Beziehung lebt, kann dies die gemeinsame Regulation von Eltern und Baby nachhaltig beeinträchtigen.

Die ohnehin angespannte Situation spitzt sich dann noch zu. Die gestressten Eltern fühlen sich hilflos, haben Versagens- und Schuldgefühle und sind gleichzeitig gestresst, übermüdet und erschöpft. Prof. Papousek: „Die Eltern brauchen körperliche und psychische Entlastung, sie benötigen Beratung und vor allem viel Verständnis. Dies alles bekommen sie in den Schreibaby-Sprechstunden.“

Ist mein Kind ein „Schreibaby“?

Schreibabys machen laut DGKJP 20 bis 25 Prozent aller Neugeborenen aus. Sie leiden vor allem unter Schlafproblemen: Nachts sind es nur wenige Stunden, tagsüber meist nur 30 Minuten ohne Unterbrechung. Die Babys wirken übermüdet, schlafen aber nicht ein, sondern reagieren auf jeden Reiz mit Schreiattacken. Schreibabys brüllen und quengeln mindestens drei Stunden täglich an mindestens drei Tagen wöchentlich über mehr als drei Wochen. „Sie lassen sich nicht mit den üblichen Strategien wie Stillen, Wickeln oder Tragen beruhigen“, erläutert Dr. Eva Möhler (DGKJP) von der Eltern-Säugling-Sprechstunde an der Uni Heidelberg. Die Schreiattacken beginnen ab dem achten Lebenstag, erreichen ihren Gipfel nach sechs Wochen und klingen nach dem dritten Monat ab. Bei etwa vier Prozent dauert die Schreiphase erheblich länger; sie ist oft der Beginn von Schlaf- und Essstörungen, exzessivem Klammern und Trotzen, aggressivem Verhalten oder krankhaften Angststörungen.

Experten-Tipps der DGKJP

Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie (DGKJP) empfiehlt Eltern von Schreibabys, sich auf wenige, gleichbleibende Beruhigungsarten zu konzentrieren und nicht immerfort Neues auszuprobieren. So sollte das Kind zum Schlafen immer ins Bettchen gelegt, aber nicht bei der kleinsten Aufregung wieder auf den Arm genommen, geschaukelt oder immer wieder von neuem gestillt werden. Die Händchen zusammenzuführen, leises Summen und ein Tuch, in das es eingewickelt wird, können ebenfalls hilfreich für das Baby sein. „Das klappt alles nicht beim ersten und auch nicht beim zweiten Mal. Kinder brauchen Zeit und viele, viele Wiederholungen zum Lernen. Doch mit regelmäßigem Üben kann das gestörte Schlaf-Wach-Verhalten reguliert und dadurch auch das exzessive Schreien reduziert werden“, erläutert Prof. Mechthild Papousek von der DGKJP.

Quelle: DKJP

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